Wladimir Putin hat dem Liberalismus in einem Interview mit der Financial Times den Totenschein ausgestellt. Die liberale Idee habe sich überlebt, sie befinde sich im Konflikt mit der überwältigenden Mehrheit des Volkes, findet Putin. Genderfragen dürften Kultur, Traditionen und Werte der Mehrheitsbevölkerung nicht "überschatten", Zuwanderung führe zu einem Zustand der Gesetzlosigkeit. "Migranten können töten, klauen, vergewaltigen und bleiben straffrei, weil ihre Rechte als Migranten geschützt werden müssen", sagte Putin. Dabei regiert der russische Präsident ein Land mit Millionen Migranten aus Zentralasien und dem Südkaukasus, mehr als 50 Ethnien und gut 20 Millionen Muslimen. Einer seiner ergebensten Partner ist Ramsan Kadyrow – ein islamistischer Despot, der in Tschetschenien durchgreift.

Ideologien sind für Putin wie Kleider, um bei der nächsten Party gut auszusehen

Putins Worte können einem Angst machen. Nicht weil Putin der Totengräber des Liberalismus wäre – das ist er nicht. Sondern weil er glaubt, dass jetzt die Stunde geschlagen habe, um sich als Anführer einer globalen illiberalen Bewegung in Stellung zu bringen.

Wladimir Putin war nie ein Liberaler, ebenso wenig ist er der ideologische Kopf einer globalen Rechten. Putin ist kein Ideologe. Deshalb konnte er sich vor gerade mal fünf Jahren als Liberaler bezeichnen und kann heute den Liberalismus beerdigen. Deshalb kann er sich als Verfechter der traditionellen Familie aufspielen, obwohl die Scheidungsrate in Russland zu den höchsten weltweit gehört. Deshalb kann er die angeblichen Faschisten in der Ukraine bekriegen und zugleich mit rechtsradikalen Parteien in Europa paktieren. Ideologien sind für Putin wie Kleider, die er sich überzieht, um bei der Party gut auszusehen. Und hier beginnt das eigentliche Problem, das weniger mit Wladimir Putin zu tun hat, dafür sehr viel mit dem, was sich in Amerika, in Brasilien und vielen europäischen Ländern abspielt. Denn Wladimir Putin sagt, was er sagt, weil er sich im Einklang mit einem rechten Zeitgeist wähnt – und ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt hat er.

Der Kampf gegen diesen Liberalismus, mit dem nie der gnadenlose Neoliberalismus gemeint ist, sondern die offenen, verletzlichen, fehlerhaften Demokratien, wird nicht in Moskau entschieden. Er entscheidet sich in Washington, in Warschau, in Budapest, in Wien und sogar in Berlin. Putins Gedanken sind nicht neu. Neu ist, mit wem er sie teilt. Beim G20-Gipfel, im Kreise der mächtigsten Regierungschefs der Welt, standen ihm eine Menge Verbündeter zur Seite – der Brasilianer, der Chinese, der Saudi, der Inder, der Türke. Aber die Steilvorlagen lieferte ausgerechnet der Amerikaner. Man solle die Journalisten, diese Produzenten der Fake-News, loswerden, scherzte Donald Trump: "Sie haben das Problem in Russland nicht, aber wir haben es." Darauf Putin: "Oh, wir haben das auch. Es ist genau das Gleiche." Dann lachten die beiden über Einmischungen in freie Wahlen.

Ob Front National in Frankreich, ob Fidesz (oder gar Jobbik) in Ungarn, ob PiS in Polen, FPÖ in Österreich oder AfD in Deutschland – für große Teile dieser Parteien verkörpert der Liberalismus das Übel dieser Welt, vor dem es das eigene Land und Volk zu schützen gilt. Sie alle arbeiten daran, Grenzen zu verschieben, moralische wie politische.

Den Liberalismus, den sie bekämpfen wollen, zeichnen sie natürlich nicht so, wie ein genuiner Liberalismus es in seinem Kern ist: mit einem starken Rechtsstaat, mit robusten Institutionen und mit Werten, zu denen die Freiheit ebenso gehört wie die Verantwortung. Stattdessen skizzieren sie den Liberalismus als groteske Karikatur, ganz im Putinschen Sinne. In diesem Liberalismus klauen Migranten und vergewaltigen, folgenlos natürlich, in diesem Liberalismus werden Kinder mit Vorstellungen von sexueller Vielfalt indoktriniert, in diesem Liberalismus werden Familie und traditionelle Werte bedroht, in diesem Liberalismus wird die Freiheit gefährdet – eine Freiheit, die ihre Verfechter gern über das Recht auf Kerosin, Diesel, Fleisch und sexistische Witze definieren.

Diese Karikatur an die Wand zu pinseln und vor ihr zu warnen ist ein alter Taschenspielertrick. Derzeit hat er Konjunktur. Wer – mal wieder – vor Putins Unterwanderung der westlichen Welt warnt, sollte sich daran erinnern, dass es nicht Putin ist, der dieser Welt, wie wir sie kennen, zusetzt. Das erledigen die Trumps und Gaulands schon selbst.