Es ist sieben Jahre her, dass Ursula von der Leyen vier Wörter sagte, die sie nun an die Spitze der Europäischen Kommission führen könnten. Februar 2012, Harvard, die amerikanische Eliteuniversität unweit von Boston: 800 Zuschauer sind in den großen Hörsaal gekommen, die Hälfte davon ist weiblich. Von der Leyen, damals Arbeitsministerin, ist als "Shootingstar" der deutschen Politik angekündigt. Das Thema, zu dem sie reden wird, mag außergewöhnlich für eine Arbeitsministerin sein – nicht aber für das politische Selbstverständnis dieser Frau. Es geht um Deutschlands Verantwortung in der Welt.

Schon damals denkt von der Leyen, dass Deutschlands wirtschaftliche Macht im krassen Missverhältnis zu seinem sicherheitspolitischen Engagement stehe. In vertraulichen Gespräche hat sie das öfters gesagt. Offen aussprechen kann sie es an diesem Tag in Harvard nicht, das wäre ein Affront gegen die Kanzlerin. Aber sie deutet es in ihrer Rede an: Deutschland fürchte sich vor dem Führen, meint sie.

Groß denken, große Worte, großes Pathos: In den USA finden sie das toll, und umso mehr Herzblut legt von der Leyen in jene Passagen ihrer Rede, die ihr am wichtigsten sind, jene, in denen Deutschland in etwas Größerem aufgeht: "I love Europe", ruft sie den Amerikanern zu, und dann erzählt sie ihnen, wovon sie träumt: – den "Vereinigten Staaten von Europa".

Das sind sie, die vier Wörter, die heute, sieben Jahre danach, so passend sind.

Immer wieder hat Ursula von der Leyen davon gesprochen, dass sie sich ein anderes Europa wünsche. Die EU dürfe nicht an dem Punkt stehen bleiben, an dem sie jetzt sei, sagte sie der ZEIT im Juni 2016. "Das Europa meiner Kinder oder Enkelkinder stelle ich mir schon so vor, dass es kein loser Verbund in nationalen Interessen verhafteter Staaten sein wird."

Allerdings sind "Vereinigte Staaten von Europa" eben auch vier Wörter, die ganz unterschiedliche Reaktionen hervorrufen können, Hoffnung oder Widerstand. In Deutschland waren es lange Zeit gefährliche Wörter, vor allem wenn sie aus dem Mund einer CDU-Politikerin kamen, weil sie nach Souveränitätsverlust klangen, nach Zentralismus und "mehr Brüssel". Nun aber verliert die Europäische Union an Bindekraft, die Briten sind fast raus, und die Osteuropäer entfernen sich auch immer mehr – da passt es vielleicht, eine Kommissionspräsidentin zu haben, die "vereinen" will und von der Überwindung nationaler Interessen spricht.

Von der Leyen würde die EU nicht deutscher machen, sondern Deutschland europäischer.

Im Dezember 2013, als von der Leyen Verteidigungsministerin wurde, musste sie lernen, dass es nicht ausreicht, in Brüssel geboren zu werden, 13 Jahre dort zu verbringen, an der London School of Economics zu studieren und später in Stanford, Kalifornien, zu leben, um gleich als Expertin für Außen- und Sicherheitspolitik zu gelten. Es reicht auch nicht, wenn man in Gesprächen übergangslos vom Deutschen ins Französische und vom Französischen ins Englische wechseln kann.

Aber Ursula von der Leyen lernte rasch. Unter anderem, dass man nicht so oft von den "Vereinigten Staaten von Europa" reden sollte, wenn man sie haben will. Und dass man den Traum von einer Europa-Armee am besten dadurch befördert, indem man ihn mit nichtssagenden Worten wie "Permanent Structured Cooperation" (Pesco) verhüllt, um eher europaskeptische Leute nicht zu verschrecken.