Usama Al Shahmani wartet vor dem Bahnhof Frauenfeld. In Wanderkluft und umgehängter Freitag-Tasche. Bevor wir loslaufen, trinken wir noch einen Espresso unter Topfpalmen.

DIE ZEIT: Herr Al Shahmani, wann hörten Sie das erste Mal von der liebsten Freizeitbeschäftigung der Schweizer – dem Wandern?

Usama Al Shahmani: In den ersten Jahren, als ich neu in der Schweiz war. Also 2002 oder 2003. Ich sah in der Nähe von Baden, wo ich damals in einem Asylantenheim wohnte, Leute, die ausgerüstet mit Rucksack und schweren Schuhen durch die Landschaft spazierten. Ich musste das zuerst einordnen, habe mich gefragt: Was machen die? Was entdecken die? Und wieso tun die das?

ZEIT: Haben Sie die Leute danach gefragt?

Al Shahmani: Nein, ich habe mich gefragt, was mir das, was diese Leute machen, bieten könnte.

ZEIT: Wie lautete Ihre Antwort?

Al Shahmani: Wandern ist etwas Verrücktes. (lacht) Dass man sich diese Zeit nimmt, sich teuer ausrüstet und im Internet, auf Landkarten nach Routen sucht, mit Freunden verabredet – dabei geht man eigentlich nur laufen.

ZEIT: Wie haben Sie schließlich selbst zum Wandern gefunden?

Al Shahmani: Ich musste die Erfahrung machen, dass diese Tätigkeit wirklich schön ist. Nicht absurd, kein reiner Zeittöter, sondern etwas, das mir langfristig etwas bringen kann.

ZEIT: Sie sagten, das Wandern sei Ihnen völlig fremd gewesen. Aber in der Literatur gibt es doch zahlreiche berühmte Wanderer. Theodor Fontane zog es zum Beispiel in die Mark Brandenburg.

Al Shahmani: Natürlich, und auch ich habe Siddhartha von Hermann Hesse gelesen. Die Geschichte eines Jungen, der durch die Natur sich selbst entdeckt. Aber sein Tun hat einen spirituellen Hintergrund: Es geht um Sufismus, um Buddhismus.

ZEIT: Also eher ums Pilgern als ums Wandern.

Al Shahmani: Ja, und Pilgern ist etwas anderes, es ist ein Ritual, ein Teil der Religion. Die arabische Sprache kennt das Wort "wandern" nicht.

ZEIT: Wie kam es zu Ihrer ersten Wanderung?

Al Shahmani: Ich habe mir gesagt: Lass dich mal diese Erfahrung machen. Also ging ich, zivil bekleidet, in einen Wald – und zugegeben: Ich fand da fast nicht wieder raus.

ZEIT: Wo war das?

Al Shahmani: Im Aargau. Der Wald war nicht so dicht, aber ich war irritiert, ich hatte auch Angst. Es braucht Erfahrung, um eine Wanderung zu genießen.

ZEIT: Wie lange brauchten Sie dafür?

Al Shahmani: Nicht lange. Aber es hat in mir eine tiefe Änderung bewirkt. Das Wandern war der erste Schritt zur Integration in der Schweiz.

ZEIT: Wieso haben Sie ausgerechnet mit Wandern Ihre Integration begonnen?

Al Shahmani: Weil es einfacher ist, eine fremde Freizeitaktivität zu übernehmen, als sich beim Essen oder bei der Kleidung anzupassen.

ZEIT: War das Wandern für Sie auch eine Flucht vor dem beengten Alltag in der Asylbewerberunterkunft?

Al Shahmani: Natürlich. Man fühlt sich als Asylant wie in einem Käfig. Man hat kein Geld, man bewegt sich in einem sehr beschränkten Raum. Da verspricht das Wandern eine ungeheure Freiheit.

ZEIT: In Ihrem Buch In der Fremde sprechen die Bäume arabisch, in dem Sie Ihr Ankommen in der Schweiz erzählen, schreiben Sie von Ihrem Kollegen Bilal ...

Al Shahmani: ... das ist eine Romanfigur ...

ZEIT: ... okay, aber die fragt sich: Wieso sollen wir wandern und unterwegs picknicken, wo wir das feine irakische Essen doch auch hier in unserm Zimmer vor dem Fernseher essen können?

Al Shahmani: Bilal ist ein Teil von mir: Er wollte sich nicht zu schnell völlig auf die Fremde einlassen. Er wollte lieber beim Vertrauten bleiben. Wald, Wälder, Wandern, die sind uns Irakern nicht vertraut. Und für die meisten Flüchtlinge ist die Natur ein Ort, eine Fläche, die sie von ihrem Ziel trennt. Sie wollen die Natur überwinden. Auch dafür steht Bilal.

ZEIT: Bei Ihrer ersten Wanderung gingen Sie fast verloren. Wie bereiten Sie sich heute auf Ihre Wanderungen vor?

Al Shahmani: Sie sehen selbst, ich trage ein kariertes Wanderhemd, lange Hosen und habe meine Trekkingschuhe angezogen: Wie ein Bünzli! (lacht)

ZEIT: Es gibt in Ihrem Buch den Satz: "In der Schweiz hat jeder Schuh eine genaue Funktion ..."

Al Shahmani: "... er gehört zu einer Kategorie." Ich mag das. Die Frage, was ich anziehe, wenn ich am nächsten Morgen auf eine Wanderung gehe, dient auch der innerlichen Vorbereitung: Soll ich kurze oder lange Hosen anziehen? Einen Regenschutz mitnehmen?