Wenn die bekannteste Zeile eines rhetorisch begabten Politikers nicht aus einer seiner Reden, sondern aus einem Lied stammt, muss etwas schiefgegangen sein. Walter Scheel war Vorsitzender seiner Partei, der FDP, er war Außenminister und Bundespräsident. In das Gedächtnis der Bonner Republik aber ist er eingegangen als rheinische Frohnatur, die "hoch auf dem gelben Wagen" durch die Lande fuhr, um dann, 1979, mit nicht einmal 60 Jahren vom liberalen Karren abzusteigen und in politische Frührente zu gehen. Viel mehr, scheint es, ist nicht geblieben.

Die schillernden Jahre nach seinem Auszug aus der Villa Hammerschmidt dürften diesen fragwürdigen Eindruck noch verstärkt haben: seine Ernennung zum "Feinschmecker des Jahres" (1981) und zum Präsidenten des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen (1982), seine dritte Eheschließung samt rufabträglichen Einzelheiten aus der Kategorie "Leben auf großem Fuß". Trotz großer Beliebtheit galt er allerdings auch schon zu seinen aktiven Zeiten als politisches Leichtgewicht. Eigentlich genug Anlass für eine wissenschaftliche Biografie. Doch die steht aus, vermutlich will sich mit dem vermeintlich Unernsten niemand ernsthaft befassen. Das ist bedauerlich – nicht nur weil Scheels Werdegang ein Spiegelbild der westdeutschen Boomjahre nach dem sogenannten Wirtschaftswunder ist.

Walter Scheel stieg aus kleinen Verhältnissen an die Spitze des Staates auf. 1919 wurde er in Solingen als Sohn eines Stellmachers geboren. Dank seiner tüchtigen Mutter konnte er Abitur machen. Er absolvierte eine Banklehre und von September 1939 an seinen Dienst in der Wehrmacht, zuletzt als Oberleutnant der Luftwaffe. Zu den Kriegskameraden sollte er jahrzehntelang Kontakt halten.

Nach Kriegsende arbeitete Scheel in der mittelständischen Rasierklingenfirma seines Schwiegervaters, 1953 machte er sich in Düsseldorf als Wirtschaftsberater selbstständig. Politisch war er da schon weit gekommen: 1946 Eintritt in die FDP, von 1948 bis 1950 Stadtverordneter in Solingen, anschließend für eine Legislatur Mitglied des Landtages von Nordrhein-Westfalen, seit Oktober 1953 Mitglied des Bundestages. Von dort entsandte ihn seine Fraktion 1956 für fünf Jahre ins Europaparlament.

Mitte der Fünfzigerjahre erregte der Multi-Parlamentarier erstmals politisch Aufsehen – durch seine Beteiligung am sogenannten Jungtürken-Aufstand in der nordrhein-westfälischen FDP, der zum Sturz des CDU-Ministerpräsidenten Karl Arnold führte. Die folgende Regierung unter sozialdemokratischer Führung hatte zwar nur kurz Bestand, erwies sich aber als erster Impuls für eine Öffnung der FDP in Richtung SPD. Auf die Frage des nationalliberalen NRW-Landesvorsitzenden Friedrich Middelhauve, welcher Parteiströmung er angehöre, antwortete der junge Abgeordnete: "Meine Richtung heißt Scheel."

Sosehr er seinem Eigensinn folgte – er tat es stets geschickt und versuchte, persönliche Verletzungen zu vermeiden: Wo andere "mit dem Kopf durch die Wand wollen, sucht er eine Tapetentür" – so charakterisierte ihn einmal die ZEIT.

Zum Bundesminister, dem für wirtschaftliche Zusammenarbeit, wurde er 1961 noch unter Konrad Adenauer ernannt. Erfolge hatte er nicht viele zu verbuchen, doch gelang es ihm immerhin, die internationale Entwicklungszusammenarbeit als eigenständiges Politikfeld zu etablieren. Und seine Reden aus dieser Zeit würde man wegen ihrer volkswirtschaftlichen Essenz den protektionistischen Nullsummenspielern der Gegenwart gern zur Lektüre empfehlen.