Die AfD steht kurz davor, im Herbst drei spektakuläre Siege bei den ostdeutschen Landtagswahlen einzufahren. Trotzdem jagt derzeit eine Negativmeldung die nächste – und zwar aus dem Inneren der Partei. Ein Brief wird publik, in dem der Bundessprecher Jörg Meuthen vor einer "Unterwanderung" der AfD durch den extrem rechten "Flügel" der Partei unter der Führung des thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke warnt. Der schleswig-holsteinische Landesverband wählt eine Flügel-Frau zur Vorsitzenden, die der Bundesvorstand wegen ihrer vermuteten Nähe zu Holocaust-Leugnern lieber heute als morgen aus der Partei ausschließen möchte. Die Führung des stärksten AfD-Landesverbands in Nordrhein-Westfalen implodiert, nachdem dessen Co-Vorsitzender Helmut Seifen Fotos von Höcke und Josef Goebbels bei einem Vortrag an die Wand projiziert und über Parallelitäten in der Sprache des NS-Propagandaministers und des thüringischen AfD-Chefs referiert hatte. Und das bayerische AfD-Landesschiedsgericht befindet, der Flügel sei eine Konkurrenzorganisation zur AfD und schädlich für die Partei.

Von außen wirkt es, als sei die Radikalisierung der Partei unaufhaltsam. Aber wie die Machtverhältnisse zwischen Flügel und Gemäßigten wirklich sind, weiß im Innern derzeit keiner so ganz genau zu sagen. Das zeigte sich auch beim alljährlichen Kyffhäuser-Treffen des Flügels in der Obereichsfeldhalle in Höckes thüringischem Wahlkreis. Dort, im Sonnenschein und in Bluejeans, mit Blasmusik, Fahnenschwenken, Standartenlauf, mit Höcke-Tassen sowie Höcke-Home-Movies mit Waldgang hätte man sich gegenseitig unterhaken und stärken können – aber es funktionierte nicht richtig. Jörg Meuthen, der in den vergangenen Jahren stets dem Flügel auf dessen Kyffhäuser-Treffen die Ehre gegeben hatte, blieb der Veranstaltung fern. Auf einem Landesparteitag im baden-württembergischen Heidenheim hatte er vor einigen Monaten eine konfrontative Rede gegen innerparteiliche Extremisten gehalten. Und wenn er auch in der kommenden Woche gemeinsam mit Höcke in Cottbus auftreten wird, bemüht sich Meuthen mittlerweile gleichwohl um Distanz zu den Radikaleren in seiner Partei.

Auch Meuthens Co-Vorsitzender Alexander Gauland – der Mann, auf den die Partei am ehesten blickt, wenn sie wissen will, wer sie ist – hielt im Eichsfeld vor allem eine Botschaft parat: "Beißt euch auf die Lippen." Radikalität sei von den Wählern der AfD nicht gewünscht. Außerdem stehe man "unter Beobachtung". Das ist zwar keine kräftige Absage an Extremismus, aber eben auch nicht die Fanfare, die man beim Flügel gerne hört. Sogar das Gespenst der Spaltung in Ost- und West-AfD nach dem Modell von CDU/CSU warf Gauland warnend an die Wand.

Hauptredner Höcke, der sich selbst als "bescheiden" empfahl, während er die stehenden Ovationen entgegennahm, blieb da nur noch, dunkel Richtung Bundesvorstand zu drohen, er werde auf die kommenden Wahlen im Herbst Einfluss nehmen. Solche Drohungen sind nicht neu. Die, die ihn länger kennen, bezweifeln allerdings, dass Höcke es wirklich auf eine persönliche Machtprobe mit Meuthen ankommen lassen wird. Die Angst vor einer Niederlage ist bisher immer zu groß gewesen.

AfD-Bundestagsabgeordnete prüften ihre Gesinnung mittels Fragebogen

In dieser Situation leistet sich die AfD-Bundestagsfraktion, sozusagen der geistige Maschinenraum der Partei, ein verblüffend offenes Experiment. Zu einer Fraktionsklausur vorletzte Woche legte man sich einen politischen Fragebogen vor, der mitten auf das Selbstverständnis der Fraktion zielt. Die Antworten auf die rund 20 Fragen sollen offiziell im September ausgewertet werden, ein erster Rücklauf wurde aber schon auf der Tagung diskutiert. Ausgedacht hatte sich den Fragebogen der nordrhein-westfälische Abgeordnete Martin Renner. Als einer der 15 Gründer der Partei, einst langjähriges CDU-Mitglied, engagierter Katholik sowie ehemaliger Marketingdirektor einer hessischen Pharmafirma sieht sich Renner den wirtschaftsliberalen Ursprüngen der AfD verpflichtet. Seinem Fragebogen ist anzumerken, dass es nicht der Rechtsextremismus ist, der ihm Sorgen macht, sondern der Hang zum "Sozialpatriotischen", wie ihn die ostdeutschen Landesverbände vertreten.