DIE ZEIT: Herr Zemp, vor bald 30 Jahren wurden Sie zum Präsidenten des Lehrerdachverbandes LCH gewählt. Nun treten Sie zurück. Als Sie anfingen, war in der Schweiz die Prügelstrafe im Schulzimmer noch nicht endgültig verboten.

Beat W. Zemp: Das Thema lag mir besonders am Herzen. Ein Jahr später, 1991, entschied das Bundesgericht letztinstanzlich darüber und verbot die Ohrfeige an Schulen.

ZEIT: Wieso war Ihnen das Thema so wichtig?

Zemp: Ich hatte einen Primarlehrer, der ein notorischer Schläger war, ich würde sogar sagen, ein Sadist. Er verprügelte immer dasselbe Mädchen vor versammelter Klasse. Das war wie Folter, auch für uns, die wir zuschauen mussten.

ZEIT: Hat sich niemand eingemischt?

Zemp: Nein. Die Lehrer waren damals unantastbare Autoritätspersonen. Sie bekleideten häufig auch militärisch höhere Ränge. Das hat sich erst mit der 68er-Bewegung und der antiautoritären Erziehung gewandelt – und sich zum Teil ins Gegenteil verkehrt.

ZEIT: Wie zeigt sich das?

Zemp: Heute haben wir eher das Problem, dass wir es mit verwöhnten Prinzessinnen und Prinzen zu tun haben. Eltern, Großeltern und Paten wollen ihnen jeden Wunsch erfüllen. Diese Kinder erhalten so ein völlig falsches Bild vom Leben. Und kommen auf die Welt, wenn sie in die Schule kommen.

ZEIT: Inwiefern?

Zemp: Dort merken sie, dass es noch andere Prinzessinnen und Prinzen gibt – und dass die Erwachsenen nicht mehr so viel Zeit für sie allein haben. Manche reagieren verhaltensauffällig, beginnen zu rebellieren, schmeißen Stühle durchs Schulzimmer, beschimpfen Lehrer bis hin zu tätlichen Angriffen.

ZEIT: Jetzt übertreiben Sie.

Zemp: Das gibt es alles! Manchmal beginnt es schon im Kindergarten. Den Kindern fehlt, was für uns selbstverständlich war: dass man "Grüezi!" sagt, wenn ein Erwachsener im Raum ist, dass man ihm die Hand gibt. Wir erleben einen Mangel an sozialer Erziehung.

ZEIT: Wie benimmt sich denn heute ein durchschnittliches Kind in der Schweiz?

Zemp: Das ist vielleicht der größte Unterschied zu früher: Das durchschnittliche Kind gibt es nicht mehr. Natürlich gab es auch zu meiner Zeit Kinder, die aus reicheren oder ärmeren Familien kamen. Aber die Lebenswirklichkeiten der Kinder liegen heute sehr viel weiter auseinander. Mit den individuellen Leistungslöhnen und den Boni, die in den 1990er-Jahren überall eingeführt wurden, ging die Einkommensschere auf, die Unterschiede nahmen stark zu. Ich hatte einmal einen Schüler, der zur Matur vom Papi einen nagelneuen BMW geschenkt bekam. Seine Kollegen fuhren noch immer mit ihren alten Velos zur Schule.

ZEIT: In Ihre Amtszeit fallen zahlreiche Reformprojekte. Welches hat die Schule am meisten verändert?

Zemp: Die neuen Bildungsartikel von 2006. Die Bundesverfassung von 1874 führte zwar die obligatorische Schulpflicht ein, verpflichtete aber die Kantone nicht, ihre Schulsysteme anzugleichen. Erst mit den Bildungsartikeln wurde der Lehrplan 21 möglich, mit dem in den deutschschweizer Kanton erstmals nach denselben Vorgaben unterrichtet wird. Das war ein historischer Schritt.

ZEIT: Einer, der bis heute umstritten ist, auch unter den Lehrern.

Zemp: Es gibt etwa 120.000 Lehrpersonen in diesem Land, da können Sie nicht erwarten, dass alle begeistert sind.