Rassismus, dachte ich, sei eine Sache des vorigen Jahrtausends. Rassisten, so glaubte ich fest, seien in Deutschland zwar nicht ausgestorben, aber seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges doch final besiegt und beschämt und nicht mehr salonfähig, im Osten des Landes offiziell verboten und im Westen spätestens seit 1968 ehrlichen Herzens geächtet. Zu Ächtung und Verbot gehörte natürlich, dass einige unverbesserliche Exemplare sich dem widersetzten, zuweilen lautstark, sei es aus Provokationslust, sei es aus Verbohrtheit. Aber: Ich hielt sie dann doch für eine Minderheit.

In meiner Welt – zu der auch die eigene alarmistische Berichterstattung über Neonazis gehörte, denn ich fand die im Sachsen der Nullerjahre erstarkende NPD und die dazu passenden mitteldeutschen Kameradschaften sehr bedrohlich, die brennenden Asylunterkünfte der Neunzigerjahre sowieso, ich mochte den "Normalisierungsdiskurs" nicht – waren deutsche Rassisten eine aussterbende Art.

Nun muss ich hören, dass sie mehr als lebendig, dass sie übermächtig, ja, dass sie in der Mehrheit sind. Wie das? Wenn man sämtliche Neonazis und Rechtspopulisten und Flüchtlingshasser zusammenzählt, wenn man nicht nur den Liedermacher Frank Rennicke aus Braunschweig und den Landtagsabgeordneten Björn Höcke aus Lünen nimmt, sondern alle AfD-Wähler, dazu den Schriftsteller Uwe Tellkamp aus Dresden und den Maler Neo Rauch aus Leipzig und überhaupt jeden, dessen Meinung einem nicht "links" genug erscheint, wenn man schließlich die linken Israelkritiker auf die Rechnung setzt sowie sämtliche Islam- und Islamismuskritiker, dann kommt man, schätze ich grob, auf mindestens die Hälfte der Deutschen.

Wie aber kommt man auf eine Mehrheit? Ganz einfach, indem man einen Anti-Rassismus-Kurs absolviert. Man nennt das auch Critical Whiteness Training, es ist ein sich etablierender Trend. Wer das nicht glaubt, möge es googeln. Ich habe mit Teilnehmern solcher Trainings gesprochen, die zum Beispiel für Behördenmitarbeiter anberaumt werden. Dort lernt man, dass der Rassismus der Neonazis gerade nicht das große Problem sei, sondern: der des weißen Mannes der Mitte, nebst der von seiner Gesinnung kontaminierten weißen Frau und ihrer Kinder.

Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie weiß sind, aber kein Rassist. Dass Sie Freunde verschiedener Hautfarben und Herkünfte haben, ja sogar Freunde mit völlig verschiedenen Ansichten. Dass Sie die Rede von menschlichen Rassen für gefährlichen Mumpitz aus dem 19. Jahrhundert halten. Sie sind trotzdem ein Rassist. Alles andere ist nicht nur Selbsttäuschung, sondern rassistisch. Wenn Sie das nicht kapieren, belegen Sie einen Anti-Rassismus-Kurs. Und falls Ihnen da etwas unlogisch vorkommt, sprechen Sie es höchstens ein Mal offen an. Danach halten Sie, wie einst im Marxismus-Leninismus-Unterricht und überhaupt immer dann, wenn Sie mit irrtumsimmunen Welterklärungsmodellen konfrontiert werden, die Klappe.

Im Ernst. Ich glaube nicht, dass es hierzulande keinen unbewussten Rassismus mehr gibt. Ich glaube nur nicht, dass er ein Wesensmerkmal des weißen Mannes ist, sozusagen rassisch bedingt. Ich fürchte aber, dass man durch den Pauschalvorwurf des Rassismus die echten, minderheitlichen Rassisten unsichtbar macht. Sie mit den Mitteln der Political Correctness zum Verschwinden bringt. Wie bekämpft man Unsichtbare? Das weiß nur der Critical-Whiteness-Trainer.