Vor drei Jahrzehnten kaufte sich die Deutsche Bank voller Selbstvertrauen ihre erste Investmentbank in London. Sie hieß Morgan Grenfell. Die jungen Händler dort spotteten über ihre neuen Chefs in Frankfurt, die das spekulative Investmentgeschäft nicht verstanden. Und die alten Herren am Main regten sich auf, als sie merkten, dass einige ihrer Londoner Talente dank üppiger Boni deutlich mehr verdienten als sie selbst.

Der Graben war tief, und im Grunde hat sich daran bis heute nichts geändert.

30 Jahre lang hat die Deutsche Bank versucht, es mit den großen Investmentbanken der Wall Street aufzunehmen. Nun gibt sie große Teile ihres Geschäfts auf und streicht 18.000 Jobs. Es ist eine Schande mit Ansage. Die Deutschen, Banker wie Politiker, haben in den vergangenen Jahren so ziemlich alles Denkbare falsch gemacht und sich diese Bankrotterklärung redlich verdient. Es ist auch eine Niederlage im globalen Wettbewerb. Deutschland fehlt eine starke Bank, die seine Unternehmen bei ihren Geschäften in aller Welt unterstützt. Und ganz Europa hat nun kein Geldhaus mehr, das ernsthaft mit Goldman Sachs und Co. konkurriert.

Zum Unvermögen gesellte sich das Pech: In der Krise lief es für die Bank zu gut

Umso befremdlicher wirkt es, wie erleichtert sich deutsche Politiker jetzt äußern. Die finanzpolitische Sprecherin der Grünen etwa freut sich: "Raus aus dem risikoreichen Investmentbanking ist die richtige Richtung." Doch nicht jede Bank kann eine Sparkasse sein. In Wahrheit ist die Chance vertan, das für moderne Finanzmärkte so wichtige Investmentbanking auf europäische Art zu betreiben – nicht als Zockerei, sondern so, dass es der Wirtschaft neuen Spielraum bietet und damit auch der Gesellschaft zugutekommt.

Falls die Bank dies je wollte, konnte sie es nicht, weil sie nie genau wusste, was ihre harten Jungs in New York und London taten. Die Zentrale in Frankfurt sollte die Kontrolle behalten, aber die Investmentbanker hatten ihre eigene Rechnung aufgemacht und setzten ganz auf Expansion. Das war der Geburtsfehler: Die Bank wuchs nie zusammen und überblickte ihre Risiken nicht. Zum Unvermögen kam das Pech, dass es für die Bank in der Finanzkrise gut lief. Der damalige Chef Joe Ackermann machte einfach weiter, als sei nichts gewesen, presste bis zum Jahr 2012 maximale Gewinne aus dem Investmentbanking – und hinterließ einen Berg giftiger Papiere, von denen die Bank jetzt knapp 300 Milliarden Euro abträgt und abwickelt.

All das ließ der Staat geschehen. Zunächst ebnete die Bundesregierung der Deutschen Bank den Weg zum gefährlichen Derivategeschäft. In der Finanzkrise ließ der Staat die siegestrunkene Bank gewähren, statt bei ihr einzusteigen und für eine gesunde Kapitalbasis zu sorgen – um sie später zu verteufeln und zuzulassen, dass sie mit neuen Regeln überhäuft wurde. Der deutsche Sonderweg führte an den Abgrund.

Dort steht die Bank jetzt und versucht ihre letzte Chance wahrzunehmen. Der Chef, der westfälische Bankkaufmann Christian Sewing, traut sich an die Giftpapiere heran und macht einen Schnitt, den die Weltbanker vor ihm mieden, Anshu Jain, John Cryan und auch der Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Sie warteten ab, bis nur dieser eine Ausweg noch blieb.

Wie heikel die Lage ist, zeigt sich im Kursrutsch zu Beginn der Woche genauso wie in den Reaktionen von Analysten. Die einen hoffen, die anderen warnen. Eine bessere Idee scheint niemand zu haben, nur den Wunsch, die Bank möge jenseits von Sparen und Schrumpfen mit neuen Ideen auch neue Erfolge erzielen. Das wird nicht leicht in diesem Firmenkoloss, der zwar digitale Innovationen im Angebot hat – von denen manche Bankfiliale aber nichts weiß.

Solange die Deutsche Bank sich strategisch nicht rührte, konnte man noch alles Mögliche in sie hineingeheimnissen. Spindoktoren arbeiteten mit großen Budgets und noch größeren Sprüchen für und gegen die Bank, deren Chefs erklärten, Europa brauche sie. Jetzt gibt es kein Geheimnis mehr, sondern nur die Einsicht, dass der Sanierungsversuch extrem teuer wird.

Das größte Kapital ist die nicht totzukriegende Begeisterung vieler Mitarbeiter für ihre Bank. Ihnen wie der deutschen Wirtschaft kann man nur wünschen, dass der Plan des Bankchefs Sewing aufgeht – der erste Plan in diesem Jahrzehnt, der diesen Namen verdient. Gelingt die Operation nicht, ist vielleicht sogar der Staat gefordert, seinen Fehler wiedergutzumachen. Die Deutsche Bank muss überleben.