Was war da bloß im April? Felix Keiler verrät es nicht. Der Sänger und Songwriter der Band Die Kerzen ist ein Andeutungsdichter. Er schreibt Liebeslieder über Bluejeans, Südostasien, die Solarien von Berlin – und über Menschen, die er einmal für liebenswert hielt. Aber warum es nie gehalten hat und ob ihn wenigstens die Solarien jemals wirklich zurückgeliebt haben, das alles verrät Keiler nicht. "Ich weiß, ich war kein guter Freund im April", singt er in einem Song, und das ist auch schon das größte Geheimnis, das ihm herausrutscht. True Love, so hat der Mittzwanziger das erste Album seiner Band genannt. Und true love fühlt man nur, die verrät man nicht.

Zumindest das Folgende ist aber sicher: Die Kerzen sind Keiler an Gesang und Gitarre, der Bassist Fabian Rose, Jelena von Eisenhart Rothe an Keyboard und Querflöte sowie am Schlagzeug Lucas Wojatschke. Sie leben in Lüneburg und Berlin, treffen sich zu Proben und Aufnahmen jedoch immer noch in Ludwigslust, ihrer Herkunftsstadt in Mecklenburg-Vorpommern. 12.000 Einwohner und ein Schloss gibt es dort, außerdem 3G-Internet, um sich die schwülste und schwulstigste Musik der Achtzigerjahre rückwirkend draufzuschaffen. Denn die Kerzen spielen Popsongs im Stil der New Romantics, jener britischen Kurzzeitbewegung, die sich als Abwehrreaktion auf Brachialsound und Mackertum der Punk-Revolution formierte. Für Bands wie ABC, Duran Duran und Spandau Ballet bedeutete das: maximaler Kitsch auf allen Tonspuren, Extremsturmfrisuren für die Bandfotos und erste, noch eher verschüchterte Annäherungen an Crossdressing und die Auflösung vermeintlich festgezurrter Geschlechteridentitäten.

Erschwingliche Synthesizer und Schlagzeughall ersetzten verzerrte Gitarren, selbstverliebte Inszenierung und Imagepflege traten an die Stelle von Rebellionsgesten gegen Eltern und Establishment. Oder anders gesagt: Pop wurde erstmals zu Pop, ausgesöhnt mit der eigenen Oberflächlichkeit und hochinteressiert an deren Subversionspotenzial. Die Kerzen erweitern mit ihrem Debüt das Lexikon der Liebe um zehn Einträge, die ähnliche Level an Drama, Pomp und Verzweiflung erreichen. Zunächst einmal sitzt hier jeder Handgriff. Das Keyboard ist eingestellt auf die richtigen Glitzer- und Funkel-Effekte, die Gitarre klingt wie ein weiteres Keyboard, das Schlagzeug tuscht und federt, als hätten es die Kerzen mit hauchdünnen Seidentüchlein bedeckt. Das Querflötensolo ist für ein Querflötensolo ganz gut zu ertragen.

Mehr noch als seine Bandkollegen tut sich jedoch Fabian Rose hervor: Der Bassist bedient sein Instrument mit einer Popeligkeit, die den Herzschlag jedes aufrechten New Romantic beschleunigen würde. Völlig zu Recht stehen seine Melodien und Kleinkapriolen im Mittelpunkt des gekonnt pseudoauthentisch auf Achtzigerjahre getrimmten Klangbilds. Nur Felix Keiler kann einfach nicht so recht. Was er auf True Love besingt, ist im Wesentlichen die Unbesingbarkeit der eigenen Gefühle. Immer wieder verzweifelt er an den mickrigen Möglichkeiten, die ihm die Sprache zur Artikulation seines Innenlebens bietet. Vieles scheint noch zu schmerzhaft, als dass er es weiter ausführen könnte. Stattdessen flüchtet sich Keiler in Lieder über Saigon und die Filme des jungen Al Pacino, zu Sehnsuchtsorten, -personen und -gegenständen, mit denen er die Kerzen zugleich vor allzu großer Eindeutigkeit bewahrt. "Maybe one day you’ll find true love", hieß es vor 37 Jahren im Lexikon von ABC. Die Suche geht weiter, von Ludwigslust bis in alle Ewigkeit.