Die deutsche Gegenwartsliteratur ist nicht mit einem übertriebenen Sinn für Komik gesegnet. Oft gründeln Autoren eher unfreiwillig komisch im Morast. Eine erfreuliche Ausnahme seit Jahren ist der in Ost-Berlin geborene Jochen Schmidt. Er weiß privatmythologischen oder geschichtlichen Dingen aus freundlichster Zugeneigtheit Tiefe abzugewinnen. In zahlreichen Romanen hat er sich als Chronist einer DDR-Jugend eine Fangemeinde erschrieben. Schmidt (geboren 1970) ist aber auch Chronist der Ostberliner Gegenwart. Früher schrieben Rezensenten noch, die Bücher des einstigen Lesebühnenautors seien mehr Erlebnissammlungen als Romane. Davon zeugt Zuckersand aus dem Jahr 2016 – eine komisch-zärtliche Meditation über das Vaterdasein seines verträumten Helden.

Wenn Bücher so etwas wie gutes Karma haben können, dann die von Jochen Schmidt! Denn jede Beobachtung, die der Autor macht, gründet auf einem animistischen Weltverständnis. Kleine Dinge, mit denen der Held zu tun hat, führen ein Eigenleben und erzählen durch ihre Anwesenheit von den großen Dingen im Leben ihrer Besitzer: von Liebe, Politik und der Fragilität des Daseins. In seinem Jugendroman Schneckenmühle war es der Alltag in einem DDR-Ferienlager, der die große weltpolitische Wende des Sommers 89 in den Hintergrund schob. In Zuckersand war eine vollgestopfte Wohnung Ausgangspunkt vieler Reflexionen. Eine Wunderkammer, in der jedes Objekt einen eingebauten Erinnerungseffekt hatte wie die Madeleine im Roman von Marcel Proust und fern jeden Kitsches die Geschichte eines jungen Elternpaares im heutigen Berlin erzählte.

Jetzt hat Jochen Schmidt erneut einen Helden der kleinen Form auf Entdeckungstour geschickt. Allerdings geht es dieses Mal, untypisch für den Anti-Abenteurer, hinaus in den Wilden Osten. Urfustan ist ein erfundener postsozialistischer Schurkenstaat mit demokratischer Verfassung irgendwo in der russischen Steppe. Der Berliner Architekturstudent Otto Kwant ist Sprössling einer Bauherrendynastie und soll an der Seite des Stararchitekten Holm Löb in Urfustan ein Gebäude für die Deutsche Botschaft bauen. Die Firma Himmelsturm verfolgt dabei einen parametrischen Designansatz: "Wir bauen keine Modelle mehr, wir lassen vom Computer Vorschläge machen, Visionen, die ein Mensch nie haben könnte." Und weil für Botschaftsgebäude Eigenwerbung und Demut vor der fremden Kultur gefragt sind, soll die Deutsche Repräsentanz in der urfustanischen Hauptstadt die Form einer Jurte und eine Fassade aus Sichtbeton bekommen. Anders als Deutschland, wo man nur noch "im Bestand" bauen könne und von der Denkmalbehörde gegängelt werde, ist Urfustan nämlich ein Eldorado für Bauherren. "Da lösen sich Verspannungen, und Sie können wieder atmen."

Zu solchen Lockerungsübungen kommt es allerdings nicht. Denn Löb ist nach der Ankunft in Urfustan zusammen mit Ottos Gepäck verschwunden. Und nun wird der junge Herr Kwant als dessen Stellvertreter einbestellt. Und zwar vom "Architekten des Vaterlandes" persönlich. So wird der Präsident Urfustans ehrfurchtsvoll von der Bevölkerung genannt, die sich in stalinistischer Tradition dessen Porträtfotos ins Schlafzimmer hängt. Und auch sonst herrscht im demokratischen Urfustan eher das Klima eines diktatorischen Überwachungsstaats. Kafkaeske Behörden, korrupte Beamte und rechtsstaatliche Willkür behindern das Fortkommen. Wohin auch immer Otto sich bewegt, er wird von den Agenten des Staates und einmal sogar von einer inneren Exilregierung wieder eingefangen. Die präsentiert ihm in einem Kästchen den abgeschnittenen Finger seines Chefs und verlangt, das neue Regierungsgebäude gleich nach der Einweihung wieder zu sprengen. Und damit beginnen die Verwicklungen eigentlich erst, auf einem aberwitzigen Roadtrip, der Otto zunächst in ein verfallenes Gefängnis verschlägt, dann in ein Dorf Russlanddeutscher, die Hitlers Untergang nicht mitbekommen haben, und schließlich in einen Bus von Curiosus Reisen voller Rentner, die dem Helden trotz mangelnder Hilfsbereitschaft sofort ans Herz wachsen. Architekten braucht hier in der Steppe übrigens wirklich niemand. "Der nächste Baumarkt befand sich über zweitausend Kilometer entfernt hinter der russischen Grenze."

Obwohl man sich vor Lachen darüber biegt, wie dieser konturlose Held von einer aussichtslosen Lage in die nächste gerät, entwickelt Jochen Schmidt mit grotesken Übertreibungen eine Politsatire, die durchaus beklemmend ist, weil sie postsowjetische Scheindemokratien genauso im Visier hat wie den Zynismus westlicher Vertreter der künstlerischen Freiheit. Beiden ist gemein, dass die Demokratie als politische Praxis längst als Floskel verhökert wird. Und niemand scheint sich daran zu stören. Dort, wo der "Palast der Demokratie" errichtet werden soll, stehen noch letzte Datschen, deren Bewohner zur Räumung gedrängt werden. "Niemand hätte gegen diese Vorgänge protestiert, Politik war Schicksal, wie Naturkatastrophen, wie gute oder schlechte Ernten."

Jochen Schmidt: Ein Auftrag für Otto Kwant. Roman; C. H. Beck, München 2019; 347 S., 23,– €, als E-Book 18,99 €