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Zum dritten Jahrestag des Putschversuchs hat die regierungsnahe türkische Stiftung SETA einen Bericht veröffentlicht, in dem sie mit internationalen Medien harsch ins Gericht geht. Über die Deutsche Welle heißt es: "Sie brachte Nachrichten über den Putschversuch vom 15. Juli unkommentiert." Eine Nachricht nicht zu kommentieren: In Deutschland zählt das als journalistische Tugend. Für die türkische Regierung aber gilt es als Verrat, die loyale Presse nennt den Coup zum Sturz Erdoğans deshalb einen "heimtückischen Putschversuch". Und solche Formulierungen will das Regime auch in der Weltpresse sehen.

Nachdem Putin nach dem Umsturzversuch als Erster in Ankara anrief, näherte Erdoğan sich ihm. Zu Merkel hingegen ging er auf Distanz. Die Kanzlerin war am Tag des Putschversuchs in der Mongolei. In ihrem Statement nach der Rückkehr verurteilte sie die Putschisten und betonte zugleich: "Im Umgang mit den Verantwortlichen für die tragischen Ereignisse der letzten Nacht kann und sollte sich der Rechtsstaat beweisen." Als hätte sie die Folgen vorausgeahnt. Denn Erdoğan nutzte den Coup zur Konsolidierung seiner Macht. Er ließ seine Gegner verhaften und Zeitungen verbieten. Mittlerweile halten viele den 15. Juli für den Reichstagsbrand der Türkei.

Der damalige Außenminister Steinmeier appellierte wenige Tage nach dem Putschversuch an die türkische Regierung, sich an das Recht zu halten. Die türkische Regierungspresse urteilte: "Den Putsch verurteilten sie, schützten aber die Putschisten."

Im August 2016 bemühte Merkel sich in der ARD um Entspannung: Es sei richtig und wichtig, den Putsch zu verurteilen, das erwarte die türkische Regierung zu Recht, man stelle sich vor, die eigene Armee würde den Bundestag bombardieren. Das war die Botschaft, auf die Ankara gewartet hatte.

Doch als BND-Chef Bruno Kahl im Spiegel-Interview äußerte, Ankara habe nicht überzeugend belegen können, dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putschversuch stecke, war es mit der Entspannung wieder vorbei. Erdoğans Sprecher warf Europa vor, die Gülen-Terrororganisation FETÖ zu protegieren. Das türkische Außenministerium verwies darauf, dass sich etliche Hundert nach dem Putschversuch geflüchtete Ärzte, Staatsanwälte, Polizisten in Deutschland aufhielten, die der FETÖ angehören sollen.

Im Juni 2018 änderte sich dann erneut die Haltung Berlins. Gestützt auf einen Bericht der deutschen Botschaft, schrieb der Spiegel, bei den Gülenisten handele es sich um eine gefährliche Organisation, die den Staat unterwandert habe und an organisierte Kriminalität erinnere. Das Auswärtige Amt erklärte, im Licht vorliegender Erkenntnisse könne man nicht abstreiten, dass Angehörige der Gülen-Bewegung am Putschversuch in der Türkei beteiligt gewesen seien.

Diese rhetorische Differenz ist von Bedeutung: Mit der Bezeichnung FETÖ nennt Ankara die Gülenisten eine Terrororganisation. Im Widerspruch dazu steht Berlin mit der Formulierung "Gülen-Bewegung". Darauf wies Erdoğan bei seinem Berlin-Besuch im letzten September hin: "Deutschland behandelt die PKK als Terrororganisation, FETÖ aber nicht." Merkel wehrte die Forderung ab. Allerdings blieb nicht unbemerkt, dass sie erstmals selbst die Bezeichnung FETÖ-Organisation wählte. Berlin sollte für zwei Tatsachen in diesem Wirrwarr einstehen:

Erstens ist Gülens gefährliche parallelstaatliche Organisation, die früher mit Erdoğan verbandelt war, absolut inakzeptabel. Zweitens darf die Bekämpfung dieser Organisation nicht als Vorwand dazu dienen, mit der gesamten Opposition aufzuräumen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe