Der wichtigste deutsche Literaturpreis ist erst dreimal an einen Schweizer gegangen, 1958 an Max Frisch, 1986 an Friedrich Dürrenmatt, 1994 an Adolf Muschg. Dann kam lange nichts. Jetzt geht der Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung an den 48-jährigen, in Zürich lebenden Dramatiker, Essayisten und Romanautor Lukas Bärfuss, der mit seinen großen Schweizer Vorgängern vieles teilt (den Zorn auf die Schweiz, die Liebe zum Theater, die Doppelbegabung für Drama und Prosa, das bebende, politisch empörte Herz), nur nicht das dominante Großschriftstellertum, das vielleicht überhaupt gänzlich ausgestorben ist.

In der Schweiz machte sich der engagierte Autor viele Feinde mit seinen Dramen über tabuisierte politische Themen wie die Ausbeutung afrikanischer Rohstoffe oder den Umgang der Schweiz mit den Opfern des Holocausts. Vor allem aber mit seinen wütenden Attacken auf den "Wahnsinn" einiger bedeutender Schweizer Medien, nach dem Geld und der Nase des Schweizer Milliardärs und SVP-Politikers Christoph Blocher zu tanzen. Der Schweizer Tagesanzeiger bescheinigte dem erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart "Paranoia", die Weltwoche beklagte den "moralischen Dünkel" in den "Hohlräumen seines Denkens". In seinen Romanen (Hundert Tage , Koala, Hagard) tritt die bürgerschreckhafte Seite seines Werks zugunsten eines ruhigen Erzählens zurück, das eine gewisse altmodische Umständlichkeit nicht scheut und eine Vorliebe für die Außenseiter- und Verliererperspektive zeigt. Was auch damit zusammenhängen mag, dass der Autor als junger Schulabbrecher von der grandios bescheidenen Prosa seines Landsmannes Robert Walser erschüttert wurde. Lukas Bärfuss, der "traurig über seine eigenen Einsichten" sein will, setzt die Tradition der strengen Schweizer Melancholie überzeugend fort.