Das Stückchen Schädeldecke, das es nach bisheriger Lehre gar nicht geben dürfte, steckte in einem Klumpen aus Schotterstücken und feinkörniger Gesteinsmasse: der hintere, linke Teil einer Schädelkalotte. Stirn, Gesichtspartie, Kiefer und Kinn, alles, was dem Schädel in Laienaugen ein Antlitz verleihen könnte, fehlte. Kein "umfassender Fund", wie die Forscher sagen. Und so hätte auch damals niemand vermutet, dass es dieses Fossil sein könnte, das die frühe Siedlungsgeschichte Europas durcheinanderbringen würde.

Bereits im Jahr 1978 hatten Wissenschaftler der Universität Athen den mit Knochen bestückten Gesteinsbrocken entdeckt. Eingeklemmt lag er zwischen zwei Wänden in der Apidima-Höhle auf der südgriechischen Halbinsel Mani, einem der Finger des Peloponnes. In dem Höhlenfund erkannten die Forscher Fragmente zweier verschiedener Schädel. Zumindest einen der beiden interpretierten sie aufgrund der auffälligen Augenwülste sicher als Neandertaler.

Nur die Hälfte einer Schädeldecke ist vom Fund "Apidima 1" übrig. © Katerina Harvati, Eberhard Karls University of Tübingen

Dazu passten auch der vage geologische Befund und eine erste Datierung auf ein Alter zwischen 160.000 und 190.000 Jahren. Das war nicht ungewöhnlich. Schließlich hatte sich der Neandertaler lange vor dem modernen Menschen in Europa ausgebreitet: Zuerst machte sich der Vorfahre Homo ergaster von Afrika aus auf den Weg, rund zwei Millionen Jahre ist das her. Sein Nachfahr Homo erectus besiedelte Asien. In einer weiteren Welle gelangte Homo antecessor oder Homo heidelbergensis vor mehr als 600.000 Jahren nach Norden und Westen. Vor 400.000 entwickelte sich in Europa der Neandertaler. Der Homo sapiens hingegen breitete sich erst vor 50.000 Jahren hier aus – und verdrängte dabei die Neandertaler, wohl vor 35.000 Jahren.

So lautete bisher, in grobe Eckpunkte gefasst, die Geschichte der ersten Europäer. Aber nun muss sie wohl umgeschrieben werden. Just wegen des bisschen Schädeldecke aus Apidima. Dieses Fossil hat eine internationale Forschergruppe unter Leitung der Tübinger Anthropologin Katerina Harvati genauer analysiert als je zuvor und dabei einen Fehlschluss aus den Siebzigerjahren korrigiert. "Die beiden Schädel lagen so nahe beieinander – da gingen alle immer davon aus, dass sie dasselbe Alter haben", sagt Harvati. Im Wissenschaftsjournal Nature legt sie in dieser Woche dar, wie falsch diese Annahme war. – Es ist die Geschichte eines längst bekannten Fossils, das im Lichte einer neuen Messung Schlagzeilen macht.

Die Forscher haben die alten Fragmente mit der neuesten Technik datiert. Da mit der sogenannten Kohlenstoffuhr (Fachjargon: C14-Methode) nur bis zu einem Alter von 40.000 Jahren verlässliche Angaben zu gewinnen sind, wandten die Tübinger die Uran-Thorium-Datierung an, um das Alter der beiden Schädel einzeln zu bestimmen. Der Neandertaler, von dem der Schädel namens "Apidima 2" stammt, hatte die Höhle auf dem Peloponnes vor 170.000 Jahren aufgesucht. Und jener Hominine, von dem das andere Stück Schädeldecke stammt ("Apidima 1"), war mindestens 40.000 Jahre früher da gewesen, vor 210.000 Jahren. Nichts Weltbewegendes, solange es sich um einen Neandertaler gehandelt hätte...

Harvati erstellte eine dreidimensionale Ansicht des Fundstücks im Computer: die linke Seite eines Schädeldachs, von der rechten Seite fehlte das meiste. Insgesamt nicht viel. Da ersann das Forscherteam eine Art digitales Puzzle. Sie spiegelten das Stück von links nach rechts, vervollständigten den Schädel damit virtuell und hatten so genug für einen ausführlichen Vergleich. Auch von dem anderen Fundstück bauten sie ein 3-D-Modell im Computer, verglichen es mit anderen Fossilien. Und Apidima 2 ließ sich schnell einordnen. "Er sah aus wie ein Neandertaler aus Gibraltar oder Italien", sagt der britische Paläoanthropologe Chris Stringer, einer der Autoren der Studie.

Kopfzerbrechen bereitete den Experten hingegen der andere Schädel. Ihm fehlten die "typischen Neandertaler-Merkmale", erinnert sich Harvati. "Je länger wir Apidima 1 studierten", sagt Chris Stringer, "desto weniger sah es aus wie Apidima 2 und all die anderen bekannten Neandertaler-Fossilien." Im Gegenteil: "Das Teil erinnerte an Homo-sapiens-Fossilien aus den letzten 100.000 Jahren."

Wie kam ein Homo sapiens vor 210.000 Jahren nach Griechenland? Kein einziges Exemplar dieses Alters war je außerhalb Afrikas gefunden worden. Fossilien sind rar, und warum hätte Europa nicht schon von Vertretern unserer Spezies besiedelt worden sein sollen, deren Knochen nie gefunden wurden? Aber gleich 160.000 Jahre früher? Das strapaziert das Vorstellungsvermögen.