Ich bin ein Schicksal heißt der neue Roman der 51-jährigen US-Bestsellerautorin Rachel Kushner, und er spielt in Amerikas Gefängniswelt. Kushners Heldin ist die 29jährige, zu zweimal lebenslänglich verurteilte Romy Hall, die einen früheren Kunden aus ihren Nachtclubzeiten umbrachte, nachdem er sie zu stalken begonnen hatte.

Der beste Moment des Buchs kommt ganz am Ende, nachdem Romy aus dem Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses im nordkalifornischen Central Valley entkommen ist. Sie hat ihre Verfolger fast abgeschüttelt. Doch dann lässt sie sich von einem Pick-up-Fahrer mitnehmen und reagiert impulsiv, als er Sex von ihr fordert. Als er eine Pinkelpause einlegt, startet sie durch. Es geht bergauf. "Unter glitzernden Sternen" entdeckt sie in einem abgezäunten Gebiet einen Baum, der breit wie ein Haus ist. In seinem Schutz schläft sie ein und wird von einem Geräusch geweckt. Es sind Bienen, die "wie Staubpartikel im Sonnenlicht schweben, das die Äste durchflutete. Sie lebten da oben. Ihre Geräusche wanderten den Stamm herunter und brachten alles zum Summen, selbst den Boden."

Im intakten Biotop der urzeitlichen Mammutbäume gewinnt Romy Klarheit über ihr Leben, das sie zum großen Teil in Strafvollzugsanstalten verbracht hat. Und sie kommt zu der Einsicht, dass ihr Leben gar nicht, wie Moralisten meinen könnten, aus dem Gleis geraten kann: "Das Leben selbst ist das Gleis." Das klingt gewaltig nach ethischem Nihilismus, doch der Roman lässt keinen Zweifel, dass Romys Verbrechen nicht frivol war. Ihr Strafprozess wird als zynischer Witz transparent, der das System an den Pranger stellt.

Interessant ist in diesem Kontext die Entscheidung der Autorin, fiktive Tagebucheinträge des als Una-Bomber bekannt gewordenen Theodore Kaczynski in den Romanverlauf zu streuen. Sie stammen aus der Zeit, als der ehemalige Mathematikprofessor und spätere Briefbombenterrorist nach dem Vorbild Henry Thoreaus als Selbstversorger in einer Hütte in der Wildnis lebte und sich von Jagdbeute ernährte. Mit Romy verbindet ihn der amerikanische Anarchismus in Reinkultur und der Glaube an die Notwendigkeit situativer Befreiungsschläge. Kaczynski spannt aus Ärger über den nicht endenden Motorradlärm in seiner Idylle einen Draht über den Fahrweg. Kurt Kennedy, Vietnam-Veteran und Romys Stalker, schmiedet entsprechende Rachepläne, nachdem ein Motorradunfall ihn zum Invaliden machte. Er gibt den Kids aus der Nachbarschaft die Schuld am Motoröl auf der Fahrbahn.

Was die Liebe zur Easy Rider-Existenz betrifft, stehen Kaczynski und Kennedy auf entgegengesetzten Seiten, doch in jeder anderen Hinsicht sind sie sich ähnlich. Sie zählen zu den sozial abgehängten, zornigen weißen Männern, die in den USA zuletzt die Präsidentenwahl entschieden haben. Rachel Kushners Gefängnisepos überträgt das Psychogramm dieser Wählergruppe auch auf andere Ethnien und Frauen wie Romy: Der Knast ist ein Dschungel, und wer darin überleben will, muss zäh sein wie ein Mammutbaum und darf sein Wohlergehen nicht höherer Gerechtigkeit überlassen. Mit Ausnahme von Päderastie und Kindsmord gehört es zum guten Ton, sich um die Vergehen der Mitinsassen im Gefängnis nicht zu scheren. Frauen im Todestrakt sind die Stars. Die sittliche Pyramide steht auf dem Kopf.

Dieses weitab kirchlicher Moral gedeihende Selbsthilfe-Ethos wird nicht erst im Gefängnis aktiviert. Es setzt viel früher ein, nämlich im de facto rechtsfreien, dem Gutdünken Erwachsener anheimgegebenen Raum der Kindheit. Kushner erzählt, was die Inhaftierten lieber für sich behalten. Von Müttern, für deren Drogenkonsum Zwölfjährige anschaffen gehen, von Stiefvätern, die Schutzbefohlene beiderlei Geschlechts vergewaltigen, von Ghettokindern, die früh lernen, ihre Gang in aller Härte zu vertreten, und von Drogenbossen, die unschuldige Jugendliche zu Dealern abrichten. Eine Hauptperson des Romans ist der Gefängnispädagoge Gordon Hauser. Als er eine Kursbesucherin lobt, sieht er in ihrem Lächeln "ihr junges Wesen. Es war so sehnsuchtsvoll und leuchtend hell, dass er wegschauen musste."