Kantonspolizisten errichten eine Straßensperre am Grenzübergang bei St. Margrethen. Sie fahnden nach Schmugglern und Schleppern, winken Autos raus auf einen Parkplatz. Dort hängen Flaggen, auf denen ein goldener Adler prangt, in den Fängen hält er ein Band mit den Worten: Vereinigte Arabische Emirate. Es ist die Flagge des Hauptsponsors, der diesen international orchestrierten Polizeieinsatz bezahlt.

Zugegeben, die Szene ist erfunden. Und doch steckt etwas Wahres drin. Denn Interpol, die Internationale kriminalpolizeiliche Organisation, lässt sich durch Sponsoren finanzieren – über eine Stiftung mit Sitz in der Schweiz.

Interpol ist so etwas wie die Uno der Polizei. 194 Mitgliedsländer zählt der Verein mit Sitz in Lyon. Doch deren Beiträge decken nicht einmal die Hälfte der Kosten. "Wäre Interpol eine Firma, stünde sie vor dem Bankrott", sagt Laurent Grosse. Er muss es wissen. Bis letzten Herbst war Grosse Finanzchef von Interpol.

Um über die Runden zu kommen, braucht Interpol frisches Geld. Dieses wird in der Schweiz gesammelt, bei einem Interpol-Ableger, der "Stiftung Interpol für eine sicherere Welt", die im mondänen Genf zwischen Plainpalais und Promenade des Bastions residiert. Stolz präsentiert sich die Stiftung im Internet: mit Prinz Albert II. von Monaco als Ehrenpräsidenten, Ségolène Royal und Otto Schily als Ehrenmitgliedern sowie Entscheidungsträgern aus Industrie und Hochfinanz im Vorstand.

Weniger glänzend als der virtuelle Schein ist die Realität: Von den acht Interpol-Stiftungsräten mussten in den letzten fünf Jahren drei aus dem Vorstand entfernt werden. Zwei wurden gar verhaftet: Carlos Ghosn, Chef von Renault-Nissan-Mitsubishi, und Arif Naqvi, Investor aus Dubai. Gegen beide wird wegen Finanzdelikten ermittelt. Beide weisen die Vorwürfe von sich, die in keinem Zusammenhang mit Interpol stehen; es gilt zudem die Unschuldsvermutung.

Doch laut der Agentur Bloomberg machte Arif Naqvi bei seiner Festnahme im April in London geltend, er dürfe gar nicht verhaftet werden. Sein Interpol-Reisepass schütze ihn. Ein Irrtum, wie Naqvi feststellen musste – der Pass gewährt keine Immunität. Er erlaubt lediglich Reisen ohne Visa.

Interpol-Repräsentanten, die Interpol in Verruf bringen – das wirft Fragen auf. Die Interpol-Zentrale in Lyon reagiert einsilbig. Das Generalsekretariat bestätigt nur, dass die Stiftungsräte und Mitarbeiter der Stiftung über Interpol-Pässe verfügten. Die Pässe dürften aber einzig für Reisen im Auftrag der Stiftung verwendet werden. Außerdem schreibt Generalsekretär Jürgen Stock: "Als die Personen in den Vorstand gewählt wurden, waren sie weithin respektierte Geschäftsleute." Inzwischen wurden die festgenommenen Stiftungsräte aus dem Vorstand ausgeschlossen.

Operativ tätig scheint die Stiftung Interpol seit 2015. Gegründet wurde sie 2013 in einer Zeit, als Interpol kritisiert wurde, weil sie private Sponsoren an Bord geholt hatte, die massive Probleme mitbrachten. Zum Beispiel den Weltfußballverband Fifa: Mit ihm war Interpol eine Partnerschaft zur Bekämpfung der Korruption eingegangen. Nach der Festnahme von Fifa-Funktionären im Frühjahr 2015 beendete Interpol die Zusammenarbeit. "Für das Image war das nicht gut", erinnert sich der ehemalige Interpol-Finanzchef Laurent Grosse. "Deshalb kam man auf die Idee mit der Stiftung und sagte den Geldgebern: Ab jetzt schließt ihr Vereinbarungen nicht mehr mit Interpol, sondern mit der Stiftung."

Die Stiftung Interpol sollte als Brandschutzmauer dienen. Dank der Stiftung muss Interpol in ihren Finanzberichten nämlich nur noch die Stiftung als Geldgeber nennen, nicht aber die Spender, von denen das Geld stammt. Die Stiftung wiederum muss ihre Bücher gegenüber der Öffentlichkeit nicht offenlegen. Selbst beim Bundesamt für Polizei, Fedpol, kritisiert man die Interpol-Stiftung als intransparent: "Wir haben keine Einsicht in die Finanzflüsse dieser Stiftung. Wir kennen sie nur von ihrem Internetauftritt", erklärte Fedpol-Direktorin Nicoletta della Valle gegenüber der Sendung Rundschau des Schweizer Fernsehens. Das Fedpol habe deswegen seine Bedenken bei Interpol angemeldet.