Wir beugen zwar längst nicht mehr die Knie vor der Kunst, wie es bei Hegel heißt, aber wir blicken und steigen noch oft genug zu ihr auf. Das Museum klassischen Typs steht häufig auf einem hohen Podium, und der einzige Weg hinauf führt über eine monumentale Treppenanlage. Prominente historische Beispiele für eine solche Wegleitung begegnen einem auf der Berliner Museumsinsel auf Schritt und Tritt. Sie inszenieren den Aufstieg zur Kunst als einen klassischen Musentempelgang. Dieses Konzept aus der Epoche der bürgerlichen Emanzipation ist wider Erwarten immer noch virulent, zumindest jetzt wieder in Berlin.

Als bei der Entwicklung des Masterplans für die Museumsinsel Ende der 1990er-Jahre ein eigenes Empfangsgebäude für die fünf Solitärbauten (Bode-, Pergamon-, Altes und Neues Museum, Alte Nationalgalerie) ins Gespräch gebracht wurde, trumpfte der britische Architekt David Chipperfield mit einer mehrfach gestuften Opakglas-Architektur auf, die jedoch auf heftigen Widerstand stieß. Zu modern, sprich zu rigoros und unvermittelt an die Seite der historischen Substanz gestellt, lautete die Kritik. Man wollte einen Bau, keinen Gegenbau. Folglich trafen sich die verantwortlichen Repräsentanten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Januar 2007 mit Chipperfield zum Lunch und unterbreiteten ihm mit den Worten "David, we need a temple!" ihre konkretisierte Forderung. Auf einer Serviette, so heißt es, habe der Architekt einen neuen Entwurf skizziert, der schließlich zur James-Simon-Galerie führte, die am 12. Juli feierlich eröffnet wird.

Der Zugang zu diesem klassizisierenden Gebäude erfolgt über eine Freitreppe von Süden her. Über 35 Stufen erreicht man den Eingang ins obere Foyer. Die Tempelallusion ist nicht nur durch den breit gelagerten Aufgang gegeben, sondern auch durch das den Bau charakterisierende Kolonnaden-Motiv. Chipperfield knüpft mit seiner Architektur an den 1841 von Friedrich August Stüler entworfenen dorischen Säulengang an, der das Neue Museum mit der benachbarten Alten Nationalgalerie verbindet. Eine umlaufende Kolonnade aus schmächtigen und scharfkantigen Betonstützen dient ihm als dekorative Signatur für das neue Bauwerk. Dieser Stützengang setzt die überkommene Achse fort, endet zunächst an der mächtigen Freitreppe und schwingt sich anschließend nach oben, um dort zur "Hochkolonnade" zu mutieren. Hier umschließen die neun Meter hohen Stützen die Glasfront, die dem Bauherrn ohne Verblendung offenbar zu nüchtern gewesen wäre. Historische Zitate mussten her, und zwar auf Tempel komm raus. Die Stützenparade auf einer Länge von rund 100 Metern über einem schwer lastenden Wasserfront-Sockel wirkt als Tausendfüßler allerdings eher spröde. Das der Museumsinsel vormals heilige Griechenland kommt hier nicht, wie es der Titel eines bekannten Schinkel-Gemäldes verheißt, zur Blüte, sondern nur zu einer Stilblüte.

Im Gegensatz zum äußeren Erscheinungsbild, das auch mit seinem gebrochenen Weiß aus Beton plus Marmorzuschlag die Antike evoziert, ist der Bau im Inneren ästhetisch und infrastrukturell gelungen. Über drei Geschosse trifft man auf großzügige Raumfluchten, die mit Sichtbeton-Wänden samt edlen Materialien, darunter patinierte Bronze, transluzide Thassos-Marmorscheiben oder französisches Walnussholz, ausstaffiert sind. Hat man sich daran sattgesehen und auch die äußere Plattform betreten und den beeindruckenden Ausblick nach Süden in Richtung Lustgarten und neues Stadtschloss zur Kenntnis genommen, dann stellt sich die Frage nach der spezifischen Funktion dieses historistisch verkleideten Baus, der bereits vor Jahren wegen der Kosten von 134 Millionen Euro als "teuerste Garderobe Berlins" verspottet oder auch als "kostbarster Balkon der Stadt" gepriesen wurde. Es sei kein Museum, aber auch keine schlichte Empfangshalle, vielmehr laut Architekt und Bauherr ein multifunktionales Gebäude. Es diene einerseits als temporäres Entrée in das noch für viele weitere Jahre im Umbau befindliche Pergamonmuseum, zugleich aber auch als Einstieg in die dermaleinst, das heißt frühestens in fünfzehn Jahren realisierte "Archäologische Promenade", welche alle Museen, ausgenommen die Alte Nationalgalerie, unterirdisch miteinander verbinden soll. Nach und nach aber seien im Laufe der Planung zahlreiche weitere dringende Bedarfe aufgetaucht, unter ihnen ein Buch- und Museumsladen, ein Terrassenrestaurant, ein Auditorium sowie ein Raum für Sonderausstellungen.

So wandert man jetzt durch ein großzügig bemessenes, vor allem den Treppen und Ausblicken huldigendes Haus. Es bleibt für die neue Galerie zentral die Idee eines herrschaftlichen Stadtbalkons mit angrenzender Verweil- und Einkaufszone sowie dem Übergang zum angrenzenden Pergamonmuseum.

Alles komme jetzt darauf an, so klug räsonierend der Architekt, dass das Haus, das den Namen des großen jüdischen Kaufmanns und Kunstmäzens James Simon (1851–1932) trägt, von einem ausgeprägten Programm erfüllt werde. Dass also nicht nur die in Berlin allzu stark favorisierte "Hardware", sondern auch die "Software" bereitgestellt werde, demnach eine inspirierende Veranstaltungsvielfalt. Andernfalls hätte man es nur mit einer aufwendig umbauten Leere oder einem bloß zu querenden Transitbau zu tun.

Ein kuratorisches Konzept, das auch dem Mäzen über die bloße Benennung hinaus zur Ehre gereichen würde, ist folglich dringend geboten. James Simon, der den Berliner Sammlungen viele wertvolle Kunstwerke zum Geschenk gemacht hat, darunter auch die Büste der Nofretete, wusste bereits Ende der Zwanzigerjahre, was die Stunde kunst- und kulturpolitisch geschlagen hatte. Um mit Ägypten wegen möglicher weiterer Ausgrabungen diplomatisch im Gespräch zu bleiben, hat er 1930 in einem offenen Brief vorgeschlagen, die Nofretete im Rahmen eines Tauschs mit dem Kairoer Museum zurückzugeben. "Für deren Beliebtheit beim grossen Publikum", so heißt es in seiner Stellungnahme im Berliner Tageblatt, "spricht doch manches andere mit. Die Dargestellte ist eben eine schöne Frau, und man weiss ja, wie leicht der Laie dazu kommt, die Schönheit des Objektes mit dem Wert der künstlerischen Darstellung zu verwechseln." In Zeiten postkolonialer Restitutionsdebatten ein bedenkenswerter Eintrag ins aktuelle Stammbuch, der einen auf dem Weg von der Tempelhöhe der Galerie die Stufen hinab ins Neue Museum und zur dort verwahrten Büste der Nofretete nachdenklich stimmen könnte.