Wolfgang Thierse

Muss man das ziemlich Selbstverständliche eigens begründen? Was Maria 2.0 bewegt und fordert, ist nicht nur Sache der Frauen! Es ist heftiges Anliegen aller, die ihre katholische Kirche lieben und als einen Ort ihrer Beheimatung empfinden.

Und die ihr deshalb Zukunft nicht nur wünschen, sondern auch aktiv etwas für ihre Veränderung um der Zukunft willen tun wollen. Die also nicht (mehr) nur betreten und resigniert schweigen angesichts der moralischen Katastrophe der Missbrauchsverbrechen, angesichts der Diskrepanz von kirchlicher Sexualmoral und der Lebenswirklichkeit vieler Menschen, angesichts innerkirchlicher Versteinerungen im Verhältnis von Männern und Frauen, Klerikern und "Laien".

Geduld ist gewiss eine löbliche Tugend, übrigens für Frauen wie für Männer. So anstrengend sie sein kann, so notwendig ist sie fürs (Über-)Leben. Aber Geduld kann auch umschlagen in Verantwortungslosigkeit: Man beschweigt, man sieht zu, man lässt geschehen – den Stillstand, das Scheitern, das bestehende, durch Vergangenheit bestätigte Schlechte –, obwohl es an der Zeit ist, der Abwärtsfahrt "in die Speichen zu greifen".

Seit Jahrzehnten wird über innerkirchliche Reformen, über Klerikalismus, über die Stellung der Frau in der Kirche geredet, geredet.

Seit Jahrzehnten wird ein neuer Aufbruch, wird geistliche Erneuerung er-hofft, er-predigt, er-betet. Es ist Zeit für Ungeduld, es ist Zeit für Konsequenzen! Das betrifft nicht nur die Frauen, nicht nur die "Laien", sondern eben auch die Männer in der Kirche, also auch die Kleriker. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche beschrieben als "das wandernde Volk Gottes". Auf der Stelle treten ist kein Wandern!

Wolfgang Thierse ist SPD-Politiker und war bis 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1998 bis 2005 wirkte er als Bundestagspräsident, weitere acht Jahre als Vizepräsident. Der 75-jährige Katholik schrieb zuletzt in einem Brief an die deutschen Bischöfe in der ZEIT: "Ich glaube, das klerikale Sonderbewusstsein muss weg. Alles andere folgt daraus."

Nach oben Link zum Beitrag

Jens Spahn

© DDP Images

Ich bin Katholik. Der Katholizismus, den ich von klein auf kennengelernt habe, ist für mich Fundament wie Kompass. Er gibt mir Geborgenheit und schenkt mir Gelassenheit.

Als Politiker bin ich mir christlicher Werte und Traditionen bewusst. Gleichzeitig weiß ich: Es ist nicht immer leicht, konkretes politisches Handeln widerspruchsfrei an der Lehre des Evangeliums auszurichten. Ich denke da zum Beispiel an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Als Mitglied des Bundestages bin ich von Bürgern gewählt und nicht von der Kirche entsandt. Doch als Katholik treibt mich die Frage nach der Zukunft meiner Kirche um. Austritte, tief bedrückende Verfehlungen, sexueller Missbrauch Schutzbefohlener und eine zunehmende Kirchenferne vieler Bürger lassen mich nicht kalt.

Persönlich halte ich Widersprüche aus: Meinen Mann hätte ich, ginge es nach der Kirche, nie heiraten dürfen. Das Bestehende zu hinterfragen, sich klug zu erneuern, tut oft gut. Ich habe große Sympathie für die Anliegen der Frauen von Maria 2.0: Jesus hat seine Botschaft allen Menschen gleichermaßen verkündet, unabhängig vom Geschlecht und unabhängig davon, wer wen liebt. Angefangen mit der Gottesmutter Maria über die heilige Elisabeth von Thüringen – Frauen hatten für den Katholizismus immer eine tragende Rolle: in den Familien, in den Gemeinden, spirituell, Gemeinschaft stiftend, organisatorisch.

Ohne das besondere Engagement von Frauen würde das konkrete Gemeindeleben vor Ort in vielen Fällen zum Erliegen kommen – kirchliche Krankenhäuser und Pflegedienste übrigens auch. Doch als Institution breitet die Kirche hier ihre Arme nicht weit genug aus. Dabei könnte sie so sicher viele verlorene Töchter und Söhne zurückgewinnen. Auch wenn es viele in der Kirche – gerade in der Weltkirche – anders sehen: Ich fände hier neue Wege gut.

Jens Spahn ist CDU-Politiker im Deutschen Bundestag und seit 2018 Bundesminister für Gesundheit. Der 39-jährige Katholik sprach vergangenes Jahr im Interview mit Christ&Welt ausführlich über seine Heimat im Münsterland: "Jeder und alles ist katholisch dort." Das sei für ihn "Heimat, Geborgenheit, Sicherheit und Gelassenheit".

Nach oben Link zum Beitrag

Anselm Grün

© Axel Griesch/Finanzen Verlag GmbH/laif

Es ist gut, dass die Frauen in der katholischen Kirche auf sich aufmerksam machen. Denn die katholische Kirche kann sich der gesellschaftlichen Entwicklung nicht verschließen.

Eine Theologie, die sich darauf beruft, dass Jesus Mann war und daher nur Männer Priester sein können, möchte nur den Status quo hochhalten. Doch diese Theologie ist unhaltbar. Sie gründet auf gesellschaftlichen Vorurteilen, wie sie lange von Männern Frauen gegenüber gehegt wurden. Natürlich kann man streiten, ob die Protestaktion immer sehr klug war. Aber dass die Frauen aufstehen und ein Signal setzen, das die Kirche nicht mehr überhören kann, das kann ich als Mann nur begrüßen.

Die katholische Kirche muss wirklich aufpassen, dass sie die Frauen nicht verliert, die doch zu einem großen Teil das Leben in der Kirche lebendig halten. Wenn die Frauen aus der Kirche auszögen, dann wäre das ein großer Schaden. Daher tut die Kirche gut daran, die Proteste der Frauen zu hören und ernst zu nehmen. In der Kirchengeschichte waren es oft Frauen, die wichtige Bewegungen in der Kirche in Gang setzten, so etwa Hildegard von Bingen, Katharina von Siena, Teresa von Ávila und Juliana von Lüttich, die die Einführung des Fronleichnamsfestes veranlasste.

So sollten wir Männer darauf hören, was die Frauen heute an neuen Ideen und Bewegungen in der Kirche einbringen könnten.

Anselm Grün ist Benediktinerpater, Betriebswirt und Autor spiritueller Bücher. Der 74-Jährige lebt seit seinem 19. Lebensjahr in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg. Seine Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt.

Nach oben Link zum Beitrag

Hans-Jochen Vogel

© Enno Kapitza/Agentur Focus

Die Missbrauchsfälle haben das Ansehen der Kirche erheblich erschüttert, nicht nur in Deutschland, auch in anderen Teilen der Welt. Die Glaubwürdigkeit meiner Kirche ist dadurch ernsthaft beschädigt.

Und das auch wegen der anhaltenden Ungleichbehandlung der Frau. Wir Katholiken laufen Gefahr, dass sich immer mehr Frauen von ihrer Kirche abwenden. Umso wichtiger ist es, dass sich die Frauen von Maria 2.0 nachhaltig für ihr Anliegen einsetzen. Aber auch auf uns Männer kommt es nun an. Wir werden nur Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung erzielen, wenn die Männer der Amtskirche ins Nachdenken kommen. Wir Männer, die wir keine amtskirchliche Funktion haben, sollten unsere Sympathie und Unterstützung mit diesen Frauen gerade jetzt deutlich machen.

Natürlich müssen wir das Weltkirchenprinzip beachten. Wir können nicht von einem Tag auf den anderen etwas verändern und erwarten, dass alle Weltregionen mitziehen. Aber man muss die Veränderung als Ziel im Auge behalten. Es geschieht doch längst: In den mit unserer Kirche unierten Ostkirchen dürfen ja auch Verheiratete Priester werden. Warum stößt man sich hierzulande trotzdem noch an der Abschaffung des Pflichtzölibats? Maria 2.0 muss zu einer globalen Bewegung werden. Die Frauen müssen sich mit Frauen in anderen Weltregionen vernetzen. Nur so wächst der Druck auf die Kirchenmänner.

In der evangelischen Kirche hat es auch über 450 Jahre nach der Reformation gedauert, bis Frauen Pastorinnen wurden.

Heute wissen wir doch: Das hat der evangelischen Kirche nur genutzt. Wenn ich mir den Protestantismus anschaue, denke ich oft: Was geht uns als Katholiken da verloren? Es geht um die Frage: Wollen wir Katholiken eine große gesellschaftliche Bewegung bleiben, die mit ihren Werten die Gesellschaft beeinflussen kann? Oder wollen wir schrumpfen auf eine kleine, extrem konservative Gruppe, die ihren Einfluss verliert?

Hans-Jochen Vogel blickt mit seinen 93 Jahren auf eine lange Politikerkarriere zurück: Oberbürgermeister von München, Bundesbauminister, Bundesminister für Justiz, Regierender Bürgermeister von Berlin und NachfolgerWilly Brandts als SPD-Parteivorsitzender. Seit 13 Jahren lebt Vogel in einem Wohnstift in München.

Nach oben Link zum Beitrag

Heribert Prantl

© DDP Images

Sie sind enttäuscht, entnervt, aufgeschreckt und verbittert. Sie haben den Streik ausgerufen. Der Protest lief unter "Maria 2.0".

Die protestierenden katholischen Frauen betraten eine Woche lang die Kirche nicht, auch nicht zum Gottesdienst. Sie forderten dazu auf, es ihnen gleichzutun. Sie verrichteten keine Dienste; sie beklagten, dass "die Abschaffung männerbündischer Machtstrukturen" nicht in Sicht sei. Sie protestierten gegen Ausgrenzung von Frauen und gegen sexuellen Missbrauch. Und sie bekundeten, wie sehr sie "der Umgang der meisten Amtsinhaber mit den Frauen, Mittätern und Opfern entsetzt".

Die Frauen von Maria 2.0 sind nicht mehr bereit, weiterzumachen wie bisher, nämlich so, wie die Luzerner Theologin Jacqueline Keune es auf den Punkt bringt: "Frauen hören zu – Männer erteilen die Absolution. Frauen backen das Brot – Männer konsekrieren es. Frauen begleiten Kranke an die Schwelle des Todes – Männer spenden das Sakrament. Frauen leisten die Beziehungsarbeit – Männer befinden über Partnerschaft und Familie. Frauen füllen die Bänke der Gebete – Männer belegen die Sessel der Entscheider." Sie hätten gleiche Würde, heißt es dann, aber eben andere Aufgaben, und all das mit dem kläglichen Argument, dass Jesus und die Apostel eben Männer waren.

Deshalb: Der Protest ist richtig. Er ist wichtig. Er muss noch kraftvoller werden, um seinem Namen gerecht zu werden: Maria 2.0. Maria, die Namensgeberin des Protestes, hat im Magnificat, in ihrem großen Lobgesang, gesagt: "Gott stürzt die Mächtigen vom Thron." Die Mächtigen in der katholischen Kirche sind die dortigen Hierarchen, die Bischöfe und die Priester. Ihr männlicher, ihr patriarchaler Alleinvertretungsanspruch muss gestürzt werden.

Die Geburt des Jesus Christus beginnt mit dem Abschied vom Patriarchat, als "Jungfrauengeburt". Er kommt ohne Zutun männlicher Potenz zur Welt– durch die Kraft des Geistes. Geist ist in der hebräischen Bibel feminin, eine Die, eine schöpferische, weibliche, pfingstliche Kraft: Sie reformiert, sie revolutioniert, sie macht neu. Es ist Zeit dafür, dass die katholische Kirche neu wird: weiblicher.

Professor Heribert Prantl ist Journalist und war bis vor wenigen Monaten Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung". Der 65-jährige Jurist ist Katholik und Ehrendoktor der evangelischen Theologie an der Universität Erlangen.

Nach oben Link zum Beitrag