Erik Flügge, 32, ist katholisch, Bestsellerautor und politischer Berater. Hier beschreibt er seine Kirche von außen – im Wechsel mit der Pfarrerin Hanna Jacobs. © Ruprecht Stempell

Keine Dimension des menschlichen Seins erhitzt die Gemüter in Theologie und Kirche so sehr wie die Frage nach unseren intimsten Beziehungen. Man muss nur Homosexualität, Vulva, Verhütung, Gender, Ehe für alle, Scheidung oder freie Liebe rufen, und schon toben die immer gleichen Polemiken zwischen Liberalen und Konservativen.

Unterdessen feierten am Wochenende in Köln 1,2 Millionen Menschen den CSD. Das sind mehr Menschen, als die Stadt Einwohner hat. Eltern standen mit ihren Kindern am Straßenrand. In der katholischen Kirche redet man noch immer über Frauenrechte und Homosexualität und meint, die Fragen unserer Zeit so zu klären. In Wirklichkeit verhandelt man aber stets die Fragen längst vergangener Zeit. Der kirchliche Diskurs hängt in Fragen von Beziehung und Sexualität mindestens 15 bis 20 Jahre hinterher.

Die Debatte um die öffentliche Anerkennung der Homosexualität begann in den 1970ern, die um die Ehe-Öffnung in den 1980ern, die Gender-Debatte Anfang der 1990er, der Queerfeminismus in den Nullerjahren des neuen Jahrtausends. Aktuell liegt man in den Kirchen in den Schützengräben der Gender-Debatte. Mal wieder 20 Jahre zu spät. Von Queerfeminismus ist noch gar keine Rede, das kommt dann bestimmt nach 2020.

Das Peinliche an dieser ständigen Diskursverspätung ist, dass in den Kirchen immer erst dann über eine Neubestimmung diskutiert wird, wenn diese bereits gesellschaftlich mehrheitsfähig geworden ist, und nicht, wenn sie ihren Anfang nimmt. Damit ist die Debatte immer schon verloren. Allein dass man sie so spät noch führt, sorgt dafür, dass man als unbegreiflich rückständig wahrgenommen wird. Da ist es dann auch egal, ob man für oder gegen homosexuelle Ehen votiert. Der Umstand, dass man erst jetzt – 30 Jahre nach der Debatte – seine Position dazu klärt, macht schon überdeutlich, dass man, dass Kirche von gestern ist.

Wie wäre es, wenn die Kirche nur ein einziges Mal rechtzeitig dran wäre? Wenn sie einmal ihren Beitrag leisten würde, statt zu schmollen? Eine solche Gelegenheit bietet die "Ehe für viele". Ein Thema, das langsam Fahrt aufnimmt. Es gibt Artikel über offene Beziehungen und Dreierbeziehungen in jungen Magazinen, es gibt erste politische Konzepte für Familienverträge zwischen mehr als zwei Personen.

Wäre es nicht geradezu verwegen klug, wenn die Theologie die nächsten fünf Jahre nutzen würde, um dieses Thema biblisch-differenziert zu durchdringen? Wenn sie ihren Beitrag leisten würde, zu klären, wie solche Beziehungen gelingen können? Schließlich ist die Bibel voll von Ehen mit mehr als zwei Personen. Wenn man nur einmal sagen könnte: "Uns schreckt das Thema nicht, und so könnten wir es gestalten, dass das Treueversprechen mehrerer Menschen für diese gut sein und mit unserer Tradition zusammen gedacht werden kann."