DIE ZEIT: Herr Lorz, Frau Güting, ein bewegtes Schuljahr geht zu Ende. Hunderttausende von Schülern sind in den vergangenen Monaten freitags lieber auf die Straße als in die Schule gegangen. Politiker und Lehrer sahen angesichts der Klimastreiks recht ratlos aus. Wie groß ist Ihre Erleichterung, dass endlich Sommerferien sind?

Alexander Lorz: Die streikenden Schüler waren wirklich nicht meine größte Herausforderung als Kultusminister in Hessen. Die haben das System Schule ja nicht massiv beeinflusst oder gar aus den Angeln gehoben.

Birte Güting: Na ja. Mich haben die Proteste in meinem ersten Jahr als Schulleiterin schon ziemlich in Atem gehalten. Wir hatten Freitage, an denen manche Klassen fast komplett abwesend waren. Unsere Schülervertretung hat viel mit mir diskutiert, wie weit die Jugendlichen mit den Schulstreiks gehen können. Gleichzeitig haben sich Eltern mit der absurden Frage gemeldet, ob man den Unterricht freitags nicht einfach absagen könne, und von unserer Kultusministerin in Düsseldorf kamen Briefe mit sehr klaren Vorgaben, wie wir mit unentschuldigtem Fehlen umzugehen haben. Ich hatte den Eindruck, da sollte wesentlich härter durchgegriffen werden als bei gewöhnlichen Schulschwänzern.

ZEIT: Auch Sie haben zwischendurch mit Bußgeldern gedroht, Herr Lorz.

Lorz: Die Sache mit den Bußgeldern wurde ein wenig dramatisiert. Es gab eine Anfrage der FDP-Fraktion im Landtag, welche Möglichkeiten bestünden, um mit unentschuldigtem Fehlen umzugehen. Da haben wir den existierenden Maßnahmenkatalog pflichtgemäß aufgelistet – der eben als letztes Mittel auch Bußgelder umfasst. Das war keine konkrete Drohung gegenüber den "Fridays for Future"-Demonstranten. Wir haben den Schulen gesagt: Bleibt gelassen, geht pädagogisch mit den Streiks um.

Güting: Es gab viel Verunsicherung. Wir Lehrer wussten nicht, wie stark wir die Fehlzeiten der Schüler sanktionieren sollten. Viele Eltern wollten, dass ihre Kinder zur Demo gehen, aber möglichst keine Nachteile dadurch haben. Die riefen im Schulsekretariat an und fragten, ob man Klausuren verschieben könne, die an einem Freitag geschrieben werden sollten. Das geht natürlich nicht.

Lorz: Als die hessische Landesschülervertretung Mitte März mit einer Generalentschuldigung ankam, um möglichst viele Schüler für den ersten bundesweiten Aktionstag zu aktivieren, konnten wir das natürlich nicht akzeptieren. Zum Regelbruch gehört nun mal, dass man die Möglichkeit von Sanktionen zumindest in Kauf nehmen muss. Wenn ich sage, ich möchte eine Regel brechen, hätte aber gern eine Garantie, dass danach nichts passiert, kann ich die Aktion gleich sein lassen. Wer zu einer Demo geht, die nicht Teil einer Lehrveranstaltung ist, fehlt unentschuldigt, mit allen Folgen.

© Tim Brederecke für DIE ZEIT

Güting: Bei uns haben Lehrer die Demos zum Teil in den Unterricht eingebunden. Wenn sie mir versichern konnten, dass es inhaltlich zum Stoff passt, hab ich das als Exkursion genehmigt.

ZEIT: Sie verstehen sich am Schiller-Gymnasium in Bochum als demokratische Schule. Es gibt ein Schülerparlament, und Mitbestimmung ist ein Grundsatz Ihrer Arbeit mit den Schülern. Da liegt es nahe, politisches Engagement zu unterstützen.

Güting: An unserer Schule versuchen wir permanent, die Schüler zu beteiligen, wir fordern sie auf, deutlich ihre Meinung zu sagen. Mit der Teilnahme an den Klimastreiks haben sie genau das getan. Sie haben eine Entscheidung getroffen und Verantwortung übernommen. Das ist etwas sehr Positives. Für mich war es deshalb nur schwer zu vermitteln, dass genau dafür plötzlich Sanktionen angedroht wurden. Aber ich hab ihnen gesagt, wie klein mein Spielraum als Schulleiterin ist, und sie haben selbst abgewogen, welches Risiko sie eingehen, wenn sie die Schule schwänzen. Schaffen sie die Klausur, ist ihre Abi-Note in Gefahr? All das mussten sie für sich klären.

ZEIT: Haben die Lehrer denn Rücksicht genommen auf die fehlenden Schüler?

Güting: Die Kollegen haben mit den drei, vier verbliebenen Schülern in der Klasse nicht einfach den Unterricht durchgezogen und gesagt: Wollen wir doch mal sehen, wie die anderen das nachholen! Man kann ja auch Materialien nachreichen, ein Tafelbild abfotografieren und Inhalte wiederholen.