Niemand kann sich freuen über den schier unglaublichen Twist, den der Landtagswahlkampf in Sachsen jetzt genommen hat. Niemand sollte jubeln über die Niederlage der AfD.

Klar, auf den ersten Blick sieht diese bürokratische Niederlage wie die Rettung der etablierten Parteien aus: Bislang war die AfD auf dem Weg dazu, stärkste Kraft im Freistaat zu werden. Jetzt strich ihr der Landeswahlausschuss die Landesliste wegen formaler Mängel auf 18 Kandidaten zusammen. Erringt die AfD keine Direktmandate, wird sie also mit maximal 18 Abgeordneten ins Parlament einziehen – dabei hätte sie nach dem Stand der jüngsten Umfrage wohl Chancen auf an die 30 Sitze.

Doch die anderen Parteien werden davon höchstens kurzfristig profitieren. Vielleicht fällt ihnen die Regierungsbildung leichter. Aber zu welchem Preis? Das Kleinhalten der AfD aus formellen Gründen wirkt wie Gift in einer Region, in der das Misstrauen in die Funktionsfähigkeit der Demokratie ohnehin größer ist als anderswo. Eine Wahl, in die einer schon gehandicapt hineingehen muss, sieht aus wie ein Fußballspiel, bei dem eine Mannschaft bloß mit neun Feldspielern auflaufen darf. Irgendwie unfair.

Unvorhersehbar ist ja auch, was geschähe, wenn die AfD zwar tatsächlich stärkste Kraft würde, aber im Landtag nur eine Minifraktion darstellte. Lassen sich die gewieften, demonstrationserprobten sächsischen Rechten eine solche Gelegenheit entgehen, um wieder einmal den Aufstand zu proben? Und hätten sie dann nicht ungefähr ein Viertel der Sachsen – so viele Anhänger hat die AfD derzeit – auf ihrer Seite?

Manchmal ist sogar die Wahrheit nicht überzeugend genug, die in diesem Fall wohl lautet: Die AfD ist Opfer ihrer eigenen Unprofessionalität geworden. Im Vieraugengespräch geben das einige ihrer Funktionäre auch zu. Sie haben Fehler gemacht beim Organisieren des Parteitags, beim Einreichen der Landesliste. In der Öffentlichkeit indes behauptet die Partei lautstark, Opfer einer Intrige geworden zu sein. Sie dringt damit durch, weil sie – wie so oft – eine kleine real existierende Schwachstelle des Systems ausgemacht hat – in diesem Fall beim sächsischen Landeswahlausschuss. Darin sitzen Vertreter von Parteien, die merkwürdigerweise über die Zulässigkeit von Parteien entscheiden. Die elegantere Lösung wäre es, solche Beschlüsse nur Juristen und Beamte treffen zu lassen. Denn es darf nicht der leiseste Verdacht aufkommen, dass formelle Regeln für parteipolitische Kämpfe missbraucht werden könnten.

CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer hat zur Misere der AfD bislang geschwiegen – vermutlich will er nicht den Anschein erwecken, schadenfreudig oder erleichtert zu sein. Es gibt für ihn auch keinen Grund zur Erleichterung. Kretschmer überzeugt im Wahlkampf keinen einzigen neuen Wähler, wenn die AfD die Schlagzeilen bestimmt. Das tut sie aber gerade.

Zumal Kretschmer – selbst als wiedergewählter Ministerpräsident – dauerhaft auf Abruf stehen dürfte. Sobald die Wahl vorüber ist, wird die AfD Einspruch beim Landtag einlegen, das hat sie schon angekündigt. Von da an schwebt das Damoklesschwert der Neuwahlen über Sachsen. Kretschmers CDU wird weiterhin nervös auf jede Wahlumfrage starren. Und sie wird sich bei jedem Fehlerchen des Ministerpräsidenten die Frage stellen, ob sie nicht doch mit einem anderen, konservativeren Kurs mehr Wähler erreichen könnte.

Nicht einmal die AfD selbst sollte sich zu sicher sein in ihrer Freude über die Unruhe, die sie derzeit stiftet. Sie ist, auch wenn sie sich dieser Verantwortung oft gar nicht bewusst zu sein scheint, das Hoffnungsprojekt gewesen für manche Bürger, die die Lust an der Demokratie verloren hatten. Sie hat nun leichtfertig die Chancen derer verspielt, die sich einen der hinteren Listenplätze erkämpft hatten. Ganz abgesehen von den Hunderten Mitgliedern, die ihre Freizeit auf einem Parteitag verbracht haben, der jetzt zwecklos geworden ist. Die AfD will in Sachsen regieren, scheitert aber schon daran, unfallfrei ihre Unterlagen einzureichen. So kann man die Demokratie auch destabilisieren: durch Dilettantismus.