Könnte es sein, dass die innenpolitisch wichtigste und mit größten Befürchtungen erwartete Wahl dieses Jahres plötzlich ein bisschen egal geworden ist? Seit Monaten heißt es, die AfD könnte bei der Landtagswahl in Sachsen am 1. September erstmals stärkste Kraft werden. Nun ist genau dies extrem unwahrscheinlich geworden – aufgrund einer Formalie.

Am vergangenen Freitag tagte der sächsische Landeswahlausschuss. Das Gremium wacht darüber, dass sich Parteien an die Regeln des Landeswahlgesetzes halten. Was der Ausschuss beschloss, kommt für die AfD einem GAU gleich: Er stutzte ihre Landesliste zusammen. Ursprünglich standen darauf 61 Kandidaten. Nun sind es noch 18. Von den etwa 30 Mandaten, die die AfD nach aktuellen Umfragen bekommen könnte, dürfte sie also nur etwas mehr als die Hälfte besetzen.

Grund dafür ist eine Reihe von Schludrigkeiten. Die AfD hatte auf ihrem Parteitagswochenende im Februar derart lange gebraucht, um die vorderen Listenplätze zu besetzen, dass eine weitere Versammlung anberaumt werden musste. Dabei habe sie Regeln nicht bedacht, wirft ihr der Wahlausschuss vor: Sie hätte den Parteitag formal nur fortsetzen dürfen, statt einen neuen stattfinden zu lassen. Und sie hätte das Wahlverfahren nicht von Einzel- in Blockwahl ändern dürfen.

Das alles macht die ohnehin angespannte Situation in Sachsen nur noch komplizierter.

"Unsere sächsischen Wähler sind schlau genug, dieses politische Schmierentheater zu durchschauen", schrieb der AfD-Landesvorstand am vergangenen Sonntag an die Mitglieder. Die Partei spielt darauf an, dass im Landeswahlausschuss neben der Wahlleiterin sechs Beisitzer vertreten sind, die den jeweils größten Parteien des Landes angehören. Die Beisitzer sollen unparteiisch entscheiden. Aber der Zweifel ist schnell gesät.

So stehen die sächsischen Parteien vor einem Dilemma: Einerseits dürfte ihnen die Regierungsbildung nach der Wahl nun leichter fallen. Andererseits wird die AfD im Wahlkampf permanent darüber klagen, dass sie künstlich kleingehalten werde.

Während Politiker von SPD oder Grünen erklärten, dass formelle Regeln für alle gälten, auch für die AfD, hat sich Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer noch nicht geäußert. Er versucht seit Monaten, die Debatten im Land wegzulenken von der AfD. Jetzt dominiert sie doch wieder alles.

Ihre Selbstvermarktung als Opfer wird gestärkt durch die Tatsache, dass sich die Partei derzeit juristisch kaum wehren kann. So, sagt Jochen Rozek, Professor für Verwaltungsrecht an der Universität Leipzig, wolle es das Gesetz: "Die AfD muss den Ausgang der Wahl abwarten, kann erst danach im Wahlprüfungsverfahren beim Landtag Einspruch einlegen." Auch einer Verfassungsbeschwerde mit Eilantrag, die die AfD derzeit prüft, räumt Rozek angesichts der bestehenden Rechtsprechung wenig Chancen ein.

Wie das spätere Verfahren im Prüfungsausschuss ausgehen wird, ist aus Rozeks Sicht derzeit nicht absehbar: Erfahrungsgemäß dauere das Jahre. Es gehe darum, Indizien abzuwägen. "Ganz glasklar ist der Fall nicht", so der Jurist. Womöglich könne die AfD ja doch belegen, dass sie lediglich einen Parteitag über mehrere Wochenenden hinweg veranstaltet habe. Es sei jedenfalls denkbar, dass die Faktenlage auch zugunsten der Partei ausgelegt werden könne, sagt Rozek. Das würde wahrscheinlich Neuwahlen bedeuten.

Eine andere Strategie steht der AfD schon jetzt offen: Gewinnt sie viele Direktmandate, kann sie doch mehr als 18 Sitze erreichen. Laut einer Wahlkreisprognose hat sie Chancen auf etwa 26 Mandate. Dann fiele die Listenkürzung weniger ins Gewicht. Deswegen plant die Partei ihren Wahlkampf um. Das Geld wird jetzt relativ gleichmäßig auf die Wahlkreise verteilt. Rund eine Million Euro stehen der AfD in Sachsen zur Verfügung.

Spricht man mit Tino Chrupalla, einem sächsischen AfD-Bundestagsabgeordneten, sagt er: "Die Entscheidung ist eine Katastrophe. Aber sie wird uns auch ein Ansporn sein." Chrupalla weiß, dass die AfD sich den Ärger hätte ersparen können. Aber er weiß auch, dass die Wut der Wähler für seine Partei oft ein Antrieb war.

Die ersten Auswüchse dieser Wut lassen sich bereits jetzt beobachten: Die Landeswahlleiterin wurde in den letzten Tagen massiv bedroht.