Das berühmt-berüchtigte Ibiza-Video wurde gerade auf allen Info-Kanälen ein ums andere Mal wiedergekäut, als es ein pensionierter Beamter im beschaulichen Kurort Bad Schallerbach nicht mehr aushielt, nur zuzusehen. Manfred Matzka, 68 Jahre alt, seit 2015 als Präsidialchef des Bundeskanzleramts im Ruhestand, schrieb sich am Tag nach dem durch Sebastian Kurz verkündeten Aus der türkis-blauen Regierung seine Vision für das Interregnum bis zur Neuwahl im Herbst von der Seele.

"Üblicherweise", so der einst mächtigste Beamte der Republik in seinem Gastkommentar für den Standard, würden in solch einer Situation die bisherigen Minister mit der Fortführung der Geschäfte betraut – "aber das ist im vorliegenden Kontext nur bedingt möglich, und sinnvoll ist es gar nicht". Auch die später gewählte Variante, die FPÖ-Ministerjobs mit handverlesenen Experten zu besetzen, nahm Matzka ins Visier: "Externe 'neutrale' Experten" würden "am Gängelband der verbleibenden Kabinette der abtretenden Minister herumgeführt werden".

Die pointierten Ansagen, die der einstige rote Revolutionär Manfred Matzka in seinem Gastkommentar sowie bei Auftritten in ZiB2 und ORF-Mittagsjournal machte, waren alles andere als liebedienerisch. Der Bewerbungsversuch eines Spitzenbeamten sieht anders aus. Und warum sollte in ein Beamtenkabinett, das auf neutral gebürstet ist, ausgerechnet ein prononcierter Sozialdemokrat mit vielen Ecken und Kanten berufen werden?

Umso überraschender war nicht nur für Matzka ein Anruf, der ihn bald danach ereilte. Die frisch ernannte liberal-konservative Kanzlerin Brigitte Bierlein fragte den linken Sozialdemokraten, ob er ihr als persönlicher Berater zur Verfügung stünde. Matzka ist selten sprachlos. Hier aber, sagt er, sei er es kurz gewesen. Zugesagt hat er dennoch umgehend.

Österreichs erste Kanzlerin begründet gegenüber der ZEIT ihre überraschende Personalkür so: "Ich habe jemanden gesucht, der das Haus lange und gut kennt." Und, wohl in Anspielung auf die politische Herkunft Matzkas: "Als gelernte Richterin ist es mir wichtig, bei meiner Beurteilung auch eine zweite, andere Perspektive zu haben."

Matzka, der sich als persönlicher Berater noch mehr denn einst als Beamter diskret im Hintergrund zu halten hat, kann und will zu seiner neuen Rolle nichts sagen. Geäußert hat er sich aber in den turbulenten Tagen vor der Bildung der Regierung Bierlein. Schon vor dem Misstrauensvotum gegen das vom damaligen Kanzler Kurz dann tatsächlich mit Experten aufgefüllte Übergangskabinett plädierte Matzka für das, was nach dem Sturz dieses Kabinetts Wirklichkeit wurde: eine Regierung, die sich ausschließlich aus hochrangigen Richtern und Beamten rekrutiert.

Denn "Spitzenbeamte werden sicher keine besoffenen Versprechen betreffend illegale Auftragsvergaben machen, keine Parteispenden einfordern, ihre Amtsbefugnis und Macht nicht wahlbeeinflussend einsetzen, Journalisten respektvoll behandeln", formulierte Matzka spitz. "Sie werden die große Schar orientierungsloser Jobsucher aus den Ministervorzimmern nicht nehmen und nicht brauchen; damit tragen sie gleich prophylaktisch dazu bei, dass die nächste Regierung nicht gleich wieder mit sündteuren Umfärbeaktionen beginnen muss."

Kanzlerin Brigitte Bierlein will sich zwar auf das sparsame Verwalten des Landes zurückziehen. Der Apparat, dem sie nun vorsteht, ist aber eine Herausforderung. Obwohl es der Blick auf das Bundeskanzleramts-Gebäude am Ballhausplatz nicht vermuten lässt, arbeiten rund tausend Beamte und Vertragsbedienstete für die zentrale Staatskanzlei.

Kaum einer kennt diesen Apparat so gut wie Matzka. Eineinhalb Jahrzehnte hat er ihn unter so gegensätzlichen Charakteren wie Wolfgang Schüssel, Alfred Gusenbauer und Werner Faymann dirigiert. Für den Spitzenjob vorgeschlagen wurde Matzka im Jahr 1999 noch von Viktor Klima, doch zur Zusammenarbeit mit dem glücklosen roten Kanzler kam es nicht mehr. Matzka wurde Opfer der Regel, dass der Bundespräsident nach Ausrufung von Neuwahlen keine Beförderungen mehr bestätigt.

Für den Genossen Matzka hätte diese Hängepartie bitter enden können, nachdem sich der Wendekanzler Schüssel an die Regierungsspitze manövriert hatte – zumal Matzka gegenüber Freunden den Posten des obersten Beamten als "seinen Traumjob" bezeichnet hatte. Ihnen erzählt er auch gerne von der ersten Begegnung mit Schüssel: "Sie wissen, dass ich nicht für Sie als Präsidialchef war", soll der schwarze Regierungschef das Vieraugengespräch eröffnet haben. "Und ich gehe davon aus, dass Sie wissen, dass ich Sie nicht gewählt habe", habe Matzka keck gekontert – und zugleich den neuen Kanzler seiner Loyalität versichert.