Die Zeitungen an den Tagen nach seinem Tod hätten ihm gefallen. Breit und detailreich war da von seinem journalistischen Ausnahmetalent zu lesen. Selbst die Bild, die er oft mit ätzender Kritik überzogen hatte, meldete in großen Lettern auf Seite 1, dass eine "wichtige Stimme" verstummt sei. Die Kolleginnen und Kollegen nahmen Abschied wie von einem Popstar: Michael Jürgs war Vorbild und Identifikationsfigur in einem.

Wer ihn nach seiner Profession fragte, dem antwortete er kurz und bündig: Journalist! Dabei hätte er auch wohlklingendere und angesehenere Titel nutzen können: Schriftsteller, Filmemacher, Moderator, Drehbuchautor, Kritiker, Talkmaster, Chefredakteur. Er war das alles, aber sein Beruf, den er liebte und der zugleich seine Berufung, die Grundlage seiner Existenz war, war nun mal der Journalismus.

Michael Jürgs darf getrost als einer der ersten Influencer bezeichnet werden, aber er war eben keiner, der sich für obskure Interessen einspannen ließ. Er kämpfte für nichts Geringeres als für eine stabile Demokratie, er verabscheute Despoten. Ohne Abstriche, ohne Kompromisse, ohne Eigennutz – immer selbstbewusst. Sein Credo war bis zuletzt, er wolle Journalist sein, "weil ich daran glaubte und noch heute daran glaube, dass man mit Worten die Welt verändern" kann. Es überrascht nicht, dass dieser Satz in keinem der umfangreichen Nachrufe fehlt. Michael Jürgs lebte ihn exemplarisch.

Ganz besondere Aufmerksamkeit erntete er mit seinen Bedenken gegen die Wiedervereinigung, mit denen er das Hochamt der Deutschen empfindlich zu stören wusste. "Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?", fragte er keck.

Er hatte den Mut, allein gegen den Rest zu schwimmen. Beim stern wurde er dafür prompt gefeuert, und er gab auch nicht klein bei, als der Verlagschef begriff, dass er seinen kreativsten Mann vom Hof gejagt hatte, und seine Dummheit wiedergutmachen wollte, indem er den Geschassten mit Geld zuzuschütten suchte. 750.000 Mark Jahresgehalt plus Tantieme gegen die Freiheit des Wortes – das war seine Sache nicht.

Wer seine Meinungsfreude infrage stellte, der hatte bei Michael Jürgs keine Chance mehr. Der Journalist lehnte eine Rückkehr an die Redaktionsspitze ab. Und doch war der stern eine wichtige Station im Leben des Unbestechlichen. Vorher schon hatte er als Feuilleton-Chef der Münchner Abendzeitung reüssiert, nach dem stern versuchte er das dümpelnde Zeitgeist-Magazin Tempo mit Spitzentexten zu retten.

Aber erst nach diesen Ausflügen in feste redaktionelle Strukturen fand Michael Jürgs seine eigentliche Berufung: als Einzelkämpfer, der wie nur wenige Themen zu recherchieren, zu durchdringen, darzustellen wusste. Den Autor Michael Jürgs faszinierten Geschichten, Schicksale, Menschen mit ihren Stärken und Schwächen. Er war vorurteilsfrei und setzte auf Klarheit und Wahrheit.