Wenn man nicht genau hinschaut, sieht der Willi recht fesch aus. Er trägt Kappe und Sonnenbrille, und sein kalkweißer Teint ist gebräunt mit Bronze-Erdpuder. Willi geht auf weite Fahrt. Mit einem Fiat Panda. Über tausend Kilometer von Wien nach Montenegro. Von dort stammt er her, dort möchte er wieder hin. In die herrliche Bucht des steil am Hang gebauten Kotor, mit Blick übers Adriatische Meer. Im Panda hinter ihm drei reife, taffe, tolle Frauen, die tricksen können und kochen wie Sarah Wiener und die Beisl-Köchin von nebenan. So sieht es aus, das Setting des neuen Romans von Vea Kaiser, wenn er auf seinem Höhepunkt ist und sich für die restlichen gut zweihundert Seiten in eine Roadnovel verwandelt.

Doch Willi, jetzt kommt es, ist tot. Und wenn das Erdpuder verbraucht ist, schminken die hinten sitzenden Damen nach, schminken ihm neues Leben auf die eingefallenen Wangen. Dieser Toten-Willi ist ein Emblem, wie so viele literarisch verschleppte Tote von William Faulkners As I Lay Dying bis hin zu Khaled Khalifas jüngstem Roman Der Tod ist ein mühseliges Geschäft. Als Emblem taugt der schmucke Tote auch für diesen Roman und für eine bestimmte Art der gehobenen Unterhaltungsliteratur insgesamt: Wenn man nicht genau hinschaut, sieht der Tote aus wie das Leben selbst. Wenn man ihn anstupst, rutscht er jedoch widerstandslos vom Beifahrersitz. Der Rückwärtswalzer ist für ein superschnelles, also nicht so aufmerksames Lesen geschrieben. Insofern ist er mit 423 Seiten nicht einmal lang. Jede Figur hat ein markantes Signet, das bei Erscheinen verlässlich aufgerufen wird; aus der Wiederholung macht der Roman sogar ein poetisches Prinzip. So werden die Tantenreden fast immer in Reihe geschaltet; erst die da, dann die da, dann die da; jede Szene ist wie eine Anekdote gebaut, also mit Zuspitzung und Übertreibungen zur Pointe hin gesteuert; jede Not äußert sich in Turbulenzen auf der Handlungsebene; die meisten Turbulenzen tendieren zum Slapstick. Der Roman ist literarisches Unterhaltungskino mit dem erkennbaren Willen zum Blockbuster. Das ist nicht nichts. Dass Vea Kaiser mit ihrer tanzbaren Blechmusik lustige Leser in ihren Rhythmus ziehen kann, hat sie schon mit den ähnlich gebauten Bergdorf-Romanklopfern Blasmusikpop und Makarionissi oder Die Insel der Seligen gezeigt.

Die österreichische Bestsellerautorin kann proper, knackig und frisch erzählen. Es jagen sich die Einfälle, aufmerksam und sorgsam werden sie ausgepinselt, immer ist da ein tragischer Kern, immer wird er weggewitzelt, und der Roman erzählt die nächste Anekdote aus dem Leben seiner Figuren. Dennoch nutzt der Roman das satirische und groteske Potenzial so gut wie gar nicht für seinen sprachlichen Auftritt. Die Erzählsprache partizipiert nicht am Wahnsinn der Geschichten; sie tuckert so gekonnt wie brav daher, immer diszipliniert, selbst in der Kalauerzone niemals ausschweifend. Dabei böte das Feld des Begehrens, das der Roman aufmacht, allen Anlass dazu: Statt Sex, Geld und Macht haben alle Wünsche im Rückwärtswalzer nämlich die Gestalt von Hunger, Appetit oder regelrechter Koch- und Backwut. Und hier hat der Roman auch seine starken, sozusagen gargantuesken oder, bescheidener, Günter Grassschen Stellen. Es gibt ganze Kapitel, in denen, was immer verhandelt wird oder geschieht, unterbrochen, nein rhythmisiert wird durch die Beschreibung von Erdäpfelknödeln und Käsekrainern. Ein deftiges bisschen mehr von Mehl- und Götterspeisen, von Kalbssteaks, ihren Marinaden und Panaden und deren animierender Repräsentation im sprachlich Angerichteten hätte es schon sein dürfen, und der Roman hätte das Zeug zur antiklimaktischen Streitschrift gegen den Korrektheits- und Diätwahn der gegenwärtigen Kultur. Doch so ist er am End a bisserl fad.

Vea Kaiser: "Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger". Roman; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 432 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €