"Für meine Schwester und mich war die schönste Zeit, wenn Bombenalarm war. Ich muss das zugeben. Meine Schwester und ich waren ruhig – wir haben uns überhaupt nicht gefürchtet –, nicht, dass wir es nicht verstanden hätten, dass wir auch dabei zugrunde gehen können."

Es sind ungewöhnliche Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, welche die Historikerin Brigitte Ungar-Klein für ihr Buch Schattenexistenzen zusammengetragen hat. Es sind die Erinnerungen Verfolgter, die als sogenannte U-Boote inmitten der nationalsozialistischen Gesellschaft in die Illegalität abtauchten, um dadurch der Vernichtung zu entgehen.

Ungar-Klein recherchierte die Biografien von über 1600 jüdischen Menschen, die auf diese Weise überlebten. Viele von ihnen hinterließen nur wenige Spuren, da die Grundlage des U-Boot-Daseins das völlige Verschwinden war – eine Entscheidung, die oft sehr spontan und unvorbereitet getroffen wurde. Rosalia Ista zum Beispiel kam 1943 gerade gemeinsam mit ihrer Schwester zu einer der den Juden zugeteilten Sammelwohnungen in der Novaragasse, in der sie hausen musste. Die beiden beobachteten, wie ihre Familie und die übrigen Hausbewohner mitten in der Nacht zur Deportation abgeholt wurden. "Und da hat meine Schwester damals zu mir gesagt: 'Weißt was? Wir gehen noch nicht nach Polen, wir gehen nach Meidling.'" Aus dem Moment heraus beschlossen die jungen Frauen abzutauchen und suchten Unterschlupf bei Freundinnen. Dort erlebten sie die Befreiung Wiens durch die Rote Armee 1945.

Diese "provisorische Existenz" der U-Boote, wie Viktor Frankl sie nannte, bedeutete ein Leben von der Hand in den Mund, ein Leben in äußerster Ungewissheit und vor allem ein Leben voller Angst – für die Versteckten wie für ihre Helfer. Hugo Glaser, selbst ein ehemaliges U-Boot, schildert die Situation: "Ein paar Tage verborgen leben, das geht leicht. Aber Jahr für Jahr – wie viel Nervenkraft gehörte dazu und wie viel Glück. Wie viel Hilfsbereitschaft und wie viel Phantasie, um allen Gefahren zu entgehen."

Bereits 1946 beschrieb der Arzt und Journalist, wem die Geretteten ihr Überleben zu verdanken hatten: "Meistens war es ein Freund, der einem half, der einen aufnahm oder weiterempfahl. Einer, der den eigenen Kopf riskierte, um den des Freundes zu retten. Es gab wenige, die so waren. In einer Zeit, in der die Bestialität genormt war, war für Freundschaft wenig Platz. Aber sie war doch da, hie und da, selten, aber herrlich, wunderbar, göttlich, menschlich, wie sie in gewöhnlichen Zeiten nie sein kann."

Jene, die das Risiko auf sich nahmen, einen Verfolgten zu verstecken, hatten im Fall des Falles mit den schlimmsten Repressalien des Regimes bis hin zum Tod unter dem Fallbeil zu rechnen. Sie gefährdeten nicht nur sich selbst, sondern auch ihre gesamten Familien. In vielen Fällen handelte es sich um Freunde und Bekannte der Verfolgten, manchmal waren es aber auch völlig Unbekannte, denen die U-Boote ihr Leben anvertrauten. Die Helfer motivierte in den meisten Fällen pure Menschlichkeit. Sie teilten mit den Verfolgten den oft ohnedies knappen Wohnraum, die Schlafzimmer und ihre Betten. Sie schufen Verstecke in Kästen und Truhen, in denen die Untergetauchten verschwanden, wenn Bekannte, Nachbarn oder Amtspersonen die Wohnung betraten. Darüber hinaus teilten die Retter mit den Verfolgten die knappen Lebensmittelrationen, organisierten die medizinische Versorgung und mussten sich vielfach auch um die Entsorgung der Notdurft der ihnen Anvertrauten kümmern – da viele Wiener Wohnungen damals lediglich mit einem Gangklo neben der Bassena ausgestattet waren. In einigen tragischen Fällen ging es letztlich auch um die heimliche Entsorgung der Leichen verstorbener U-Boote, die möglichst rasch und unauffällig aus den Verstecken geschafft werden mussten.

Die Wiener Dichterin Elfriede Gerstl, die ebenso als U-Boot den Nationalsozialismus überstand, beschrieb einen "Todstellreflex" als kennzeichnend für ihre Zeit im Verborgenen. Die U-Boote konnten teilweise über Jahre hindurch ihre Verstecke nicht verlassen, durften keine verdächtigen Geräusche machen oder in sonst einer Weise den potenziellen Denunzianten in der Nachbarschaft auffallen. Die permanente Todesangst wurde ihnen über Jahre hinweg zum Normalzustand. Nur knapp die Hälfte der überlebenden U-Boote konnten längerfristig in ihren Quartieren bleiben, die übrigen waren gezwungen, ihre Verstecke zumindest gelegentlich zu wechseln, oder konnten sie nur stundenweise nutzen, was bedeutete, dass sie zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter versuchen mussten, sich unauffällig und unentdeckt im öffentlichen Raum aufzuhalten. Vor allem für männliche U-Boote wurde der Aufenthalt im öffentlichen Raum zunehmend schwierig, da mehr und mehr Männer im wehrfähigen Alter eingezogen und an die Front geschickt wurden. Wer sich noch in der Stadt bewegte, stand unter dem Generalverdacht der Desertation und wurde daher häufig kontrolliert. Die U-Boote schlüpften in unterschiedliche Rollen, um sich zu tarnen – sei es als Handwerker, als Liebespaar oder in einem Fall sogar als Maler und Modell, was es erlaubte, an unterschiedlichsten Orten zu verweilen, ohne als illegal auffällig zu werden.