Drei private Rettungsschiffe suchen verzweifelt einen europäischen Hafen, um 200 Schiffbrüchige an Land zu bringen. Maltas Marine birgt im Mittelmeer 58 aus Libyen kommende Menschen und bittet die EU, ihr drei Viertel der Geretteten abzunehmen. Tunesiens Küstenwache entdeckt 13 Leichen in einem havarierten Boot aus Libyen, mindestens weitere 67 Menschen werden vermisst: Das sind die Nachrichten dieser Woche aus dem Mittelmeer. Und jedes Mal offenbart sich ein Widerspruch: EU-Politiker wie der deutsche Innenminister Horst Seehofer pochen darauf, die Rettung Schiffbrüchiger sei eine Rechtspflicht – doch die EU-Staaten haben ihre rettenden Schiffe in diesem Frühjahr aus dem Mittelmeer zurückbeordert. Verblieben sind nur ein paar private Seenotretter. Und die werden derzeit von Italien mit dem vollen Arsenal des Strafrechts bekämpft.

Italiens Häfen sind, neben Malta, am schnellsten von der libyschen Küste aus zu erreichen. Beide Staaten haben die nicht unbegründete Angst, die EU würde sie wie früher mit den Geretteten im Stich lassen. Denn nach den Dublin-Verträgen ist jener EU-Staat, den ein Flüchtling zuerst betritt, für die Registrierung und das Asylverfahren zuständig. Und wenn Asyl gewährt wird, was dann? Eine anschließende Verteilung der Asylbewerber auf alle EU-Mitglieder gibt es nicht. Der fehlende Verteilungsschlüssel ist der Grund dafür, dass es keine europäische Flüchtlingspolitik gibt – und damit auch keine einheitliche Position zur Seenotrettung.

Deutsche und andere Diplomaten erwägen darum die Gründung einer Koalition der Willigen. Gesucht werden fünf bis zehn wohlmeinende EU-Staaten, die bereit sind, grundsätzlich für eine bestimmte Zeit eine festgelegte Quote von Geretteten aufzunehmen. Deutschland zum Beispiel übernimmt bereits ein Drittel der Menschen, die jetzt von der Sea-Watch 3, der Alan Kurdi und der maltesischen Marine aus dem Mittelmeer geborgen wurden; es sind gerade einmal 60 Personen. Frankreich, Spanien, die Niederlande und Luxemburg scheinen der Idee temporärer Quoten nicht völlig abgeneigt zu sein, mit weiteren Mitgliedsländern der EU wird gesprochen.

Könnte es indes sein, dass die Zahl der Flüchtenden demnächst wegen des libyschen Bürgerkriegs wieder zunimmt? Diese Sorge wird in manchen europäischen Hauptstädten geäußert. In der vergangenen Woche wurde ein Flüchtlingslager am Rande von Tripolis bombardiert. Mindestens 40 Bewohner kamen um. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hausen derzeit allerdings nur rund 6000 Migranten in den menschenunwürdigen Lagern im Westen Libyens, 4200 von ihnen gebührte laut UNHCR Flüchtlingsschutz. Gut möglich, dass die libysche Regierung sie freilässt und diese Menschen dann nach Europa wollen – viele sind es also nicht, und für sie könnte unter dem Schutz von EU und UNHCR ein humanitärer Korridor für die Reise nach Europa gebildet werden.

Nach Schätzungen der IOM befinden sich gleichzeitig knapp 700.000 Migranten in Libyen. Doch die meisten von ihnen, heißt es, lebten schon seit Jahrzehnten im Land, arbeiteten dort und wollten, falls sie das Land verlassen müssten, ganz überwiegend zurück in ihre Heimat.

Dennoch, Flucht und Migration über das Mittelmeer werden nicht aufhören – jedenfalls nicht, ohne dass die Kriege enden und sich die Lebensbedingungen in Afrika nachhaltig verbessern. Die EU wird darum nicht umhinkönnen, weiter nach einer humanitären Lösung zu suchen, die dreierlei erreicht: Flüchtlingen Schutz zu gewähren und sie auf eine Reihe gutwilliger Staaten zu verteilen; einer bestimmten Anzahl von Migranten Arbeits- und Studienvisa zu erteilen – und jene, die keinen Anspruch auf Verbleib haben, möglichst rasch zurück in ihre Herkunftsländer zu bringen.