Taugt Maria zur Revolte? – Seite 1

Ja

Von Andreas Öhler

Maria ist eine Revolutionärin. Als die streikenden Arbeiter auf der Danziger Leninwerft 1980 gegen die kommunistische Regierung aufbegehrten, hatten sie nicht Marx und Lenin an ihrer Seite, sondern die Schwarze Madonna von Tschenstochau, Polens Nationalheilige. Während der Verhandlungen mit den Mächtigen trug Lech Wałęsa, der Streikführer und spätere Mitbegründer der Gewerkschaft Solidarność, als eine Art heiliges Parteiabzeichen ein Bildnis dieser Maria am Revers. Auf der Werft wurden zwischen den Versammlungen Gottesdienste gehalten, kniende Blaumänner riefen da ihre Schutzgöttin an. Dieses Bild verstörte die Kommunisten zutiefst. Sie beanspruchten sonst immer das alleinige Sorgerecht für die Unterdrückten dieser Erde. Mit Polen begann eine Kettenreaktion im gesamten Ostblock. Gewissermaßen fing also alles mit Maria an.

Da ist sie wieder, die Schutzmantelmadonna: In zahlreichen Abbildungen des Spätmittelalters versammelt sie unter ihrem riesigen Umhang das verängstigte Volk. Die pestverseuchten Giftpfeile, die ein zorniger Gott von einer Wolke als Geißel der Menschheit abschießt, prallen daran ab.

Maria ist nicht militant. In der Zeit der Türkenkriege wurde sie schon mal mit Schwert abgebildet, ihr Kampfgeist ist aber eher konfuzianisch. Ganz im Sinne von Bertolt Brechts "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg Laotses in die Emigration". Da fragt der Meister den Schüler, was er denn gelernt habe. Der Schüler antwortet: "Dass das weiche Wasser in Bewegung/ Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt./ Du verstehst, das Harte unterliegt."

Seit Urzeiten wird das Weiche dem Weiblichen zugeordnet. Das ist bei Maria nicht anders. Sie hat nur wenige Auftritte in der Bibel, aber einer hat es in sich. Da wird sie laut, da klingt sie politisch. Im Magnificat nach Lukas heißt es: "Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen." Feministische Theologinnen machten aus ihr eine sozialkritische Prophetin. Dabei gehört sie nicht zu alttestamentlichen Propheten wie etwa Jesaia, der seine Sozialkritik in die Wüste schrie.

Maria kämpft als Mutter. Mütter sind es, die zuerst gegen Kriege protestieren, weil sie ihre Kinder nicht hergeben wollen. Die Geschichte lehrt: Sie standen am Anfang von ganz vielen Revolutionen.

Die "Madres de Plaza de Mayo", deren Kinder in der argentinischen Militärdiktatur entführt und ermordet wurden, versammelten sich regelmäßig auf dem Platz der Mairevolution während der Junta, hielten stumm Fotografien ihrer Söhne und Töchter hoch, still, zornig, unbeirrbar. Viele trugen Marienbilder bei sich. Aus diesen Müttern wurde später eine der führenden Menschenrechtsorganisationen in Argentinien. Das weiche Wasser bricht den Stein. Wenn der jetzige Papst revolutionäre Züge trägt, dann liegt es an diesen Frauen. Sie haben sein Marienbild tief geprägt.

Nein

Von Christina Rietz

Es gibt vier marianische Dogmen, also hochautoritäre Lehrentscheidungen, die von allen Katholiken und auch Katholikinnen geglaubt werden müssen. Wer sie nicht glaubt, der, im Konzils- und Vatikansprech gesagt, "sei ausgeschlossen". Die Glaubenssätze beziehen sich auf die Gottesmutterschaft Mariens, auf ihre leibliche Aufnahme in den Himmel, auf ihre unbefleckte Empfängnis und auf ihre immerwährende Jungfräulichkeit. Maria ist also, das sagt das Unbefleckte, ohne Erbsünde von ihrer Mutter empfangen worden. Im Gegensatz zu uns Normalsterblichen kam sie schuldlos auf die Welt. Das musste so sein, damit sie den Sohn Gottes gebären konnte. Wie das Neue Testament erklärt, erkannte Maria keinen Mann, auch nicht Josef, ihren eigenen, war also Jungfrau, als sie Jesus gebar. Diverse Konzilien haben allerdings festgelegt, dass Maria nicht nur vor, sondern auch während und nach der Geburt ihres Sohnes Jungfrau blieb. Das ist sie also, die Maria, auf die sich heute Katholikinnen der Maria-2.0-Bewegung so gern berufen: eine göttlich Reine, eine ewig Unschuldige. Eine in ihrer Tugendhaftigkeit geradezu Unmenschliche.

Die Urmutter der Leibfeindlichkeit

So jemand taugt nicht zur Galionsfigur einer Emanzipationsbewegung im 21. Jahrhundert. Emanzipation kommt vom lateinischen Ausdruck ex manu capere, was so viel bedeutet wie "aus der Hand entlassen". Maria begibt sich doch im Gegenteil ganz in die Hand Gottes. Nirgends wird das deutlicher als in der berühmten, aber auch fast einzigen größeren Bibelstelle, die ganz der Madonna gehört: "Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist."Sie ist alles durch ihn, aber nichts durch sich. Zwar ist diese Bibelstelle, das sogenannte Magnificat, sehr oft in sehr wunderbare Töne gesetzt worden, es strahlt als vermeintliche Erhöhung Mariens durch die Jahrhunderte. Aber die Eigenschaft der Gottesmutter, die durch das Magnificat doch am prominentesten ausgestellt wird, das ist die Demut, die Einsicht in die Nichtswürdigkeit ihrer selbst, bevor Gott der Herr sie angesehen.

Wer sich heute in Marias Namen zum weiblichen Aufbruch versammelt, muss das mitdenken. Er hebt sich eine bis in alle Ewigkeit Keusche auf den Schild, das große Vorbild solcher Frauenfreunde wie Kardinal Meisner. Die Kirche hat die Jungfräulichkeit immer als die beste aller Lebensformen gepriesen, mit welchem Ausgang, ist bekannt. Möchte man also die Urmutter der Leibfeindlichkeit jetzt als Vorbild für moderne Frauen inthronisieren?

Das könnte man eigentlich erst, wenn die größten Marienfans an ihr Ziel gelangt sein werden. Seit einigen Jahren versucht eine weltweit nicht geringe Zahl an Klerikern und Laien, auf ein fünftes Mariendogma hinzuwirken. Maria soll Co-Redemptrix werden, Miterlöserin der Menschheit neben Jesus. Das wäre ein echter Machtzuwachs für sie. Aber da Franziskus von hammerharten Lehrentscheidungen wenig hält, dürfte er wohl der Letzte sein, der es ex cathedra zu einem neuen Dogma bringt. Also bleibt Maria vorerst das, was sie immer war: zutiefst unmodern. Das kann man durchaus anbeten, aber als emanzipierte Frau doch nicht anstreben! Schon der vergleichsweise junge Joseph Ratzinger schrieb in einer Erklärung zum Schlussdokument "Lumen gentium" des Zweiten Vatikanums, "dass Maria als ein mit Privilegien überschüttetes und uns dadurch unendlich fern gerücktes Individuum dargestellt" worden sei. Das habe ihr und der Kirche geschadet. Wie recht er hat.