Dieser Film wirft den Zuschauer von der ersten Sekunde an in eine absurde, irrwitzige Welt: In der ersten Einstellung sieht man eine aufgetakelte palästinensische Spionin, die in Paris den Auftrag bekommt, ihre Wahlheimat zu verlassen und einen General der israelischen Armee zu umgarnen, um ihn schließlich eiskalt auszuschalten. Ein paar Szenen später wird gezeigt, wie sie den Militär erfolgreich um den Finger wickelt.

Es ist der pure Kitsch, eine Ästhetik der maximalen Übertreibung: In goldenes Licht gegossen, schwenkt die Kamera über die feurigen Lippen der Spionin, zeigt schmachtende Augen in Nahaufnahme, bevor der General mit dem dünnen schwarzen Schnauzer sich eine Zigarette anzündet – und dabei mit seinem goldenen Feuerzeug wie ein billiger Clark-Gable-Verschnitt wirkt. Ist man im richtigen Film gelandet? Oder hat man sich in eine Schmonzette verirrt?

Tel Aviv on Fire ist ein Film im Film. Genauer: eine Seifenoper innerhalb der gleichnamigen Komödie des Regisseurs Sameh Zoabi. Gedreht wird die Daily Soap, die kurz vor dem Beginn des Sechstagekriegs von 1967 spielt, von Palästinensern in einer billigen Studio-Klitsche in Ramallah. Nach dem ersten Schnitt zeigt sich das Team hinter der Kamera. Mit dabei: der Enddreißiger Salam (Kais Nashif), ein glückloser Träumer, der für die Requisiten zuständig ist und die hebräische Aussprache der palästinensischen Darsteller korrigiert.

Ein Zufall sorgt dafür, dass Salam von seinem Onkel, dem Serienproduzenten, zum Dialogschreiber befördert wird. Das Problem ist nur, dass er an einer Schreibblockade leidet. Wieder kommt ihm ein Zufall zu Hilfe: Bei einer seiner täglichen Grenzfahrten zwischen Jerusalem und Ramallah trifft der Autor an einem Checkpoint auf Assi, einen Kommandeur der israelischen Armee. Als der Militär herausbekommt, dass Salam an einer Serie mitarbeitet, die auch in Israel ihre Fans hat und von seiner Frau begeistert geschaut wird, wittert er seine Chance. Er bringt den Palästinenser dazu, die Story mitbestimmen zu dürfen. Vor allem will er den verliebten israelischen General besser dastehen lassen, um – quasi per Identifikation – seine Frau vor dem Fernseher zu beeindrucken.

Für Salam ist das Treffen Fluch und Segen gleichermaßen. Einerseits wird er bei jeder Grenzkontrolle mit neuem Serienstoff beliefert, andererseits muss er sich immer wieder neue Ausreden einfallen lassen, wenn er den zionistischen Drehbuchvolten des Kommandeurs nicht entsprechen kann. Es entsteht ein absurdes Spiel zwischen den ungleichen Partnern, die trotz der vielen Unterschiede eine Art palästinensisch-israelisches Zweiergespann bilden.

Dem Regisseur Sameh Zoabi gelingt es, zwischen all diesen absurden Situationen von einem nahöstlichen Alltag zu erzählen, die Unwägbarkeiten anzudeuten, denen die Menschen auf beiden Seiten der Grenze ausgesetzt sind. Ein Gefühl der Ausweglosigkeit wird spürbar, das aber nicht in Fatalismus oder Resignation mündet. Die Daily Soap im Film wirkt hier wie ein Stellvertreterkrieg: Jeder der Mitwirkenden will den Ausgang mitbestimmen und zumindest in der Welt der Fiktion über das Schicksal Palästinas mitentscheiden.

Das Schöne ist: Für die Fans der Soap scheint die Frage, ob sie propalästinensisch oder proisraelisch ist, zweitrangig zu sein. Das wird in einer Szene in einem palästinensischen Krankenhaus deutlich, wo sich die Patientinnen nur noch für die Liebesstory interessieren – und eben nicht für die Frage, ob die Story versöhnlich endet oder mit einem antizionistischen Sprengstoffattentat. Auch Assis israelische Ehefrau sieht das so. Als sie von ihrem Mann gefragt wird, weshalb sie eine palästinensische, vermeintlich antisemitische Serie schaue, antwortet sie: "Nicht alles ist Politik, mein Lieber. Hier geht es um Romantik!"

Stille Sehnsucht nach Romantik – und Normalität

Im Zentrum von Tel Aviv on Fire geht es um die stille Hoffnungslosigkeit aller Beteiligten und um ihre stille Sehnsucht nach einer normaleren Welt. Salam bringt dieses Gefühl auf den Punkt: Für ihn gebe es keine heroischen Ausgänge mehr, sagt er seinem Onkel, der beim Sechstagekrieg mitgekämpft hat. Weder in der Serie noch in der Realität. Auch Assi wird irgendwann zugeben, nicht gern an einem Checkpoint zu arbeiten. Der Unterschied ist nur, dass er den grauen Container aus seinem Privatleben verbannen kann. Salam und seine Freunde können das nicht.

Nach und nach verwandelt sich die Komödie in eine metafiktionale Parabel über die Frage, wie man der Ausweglosigkeit der Geschichte begegnen kann. Hinter der Naivität des Helden Salam steckt die existenzielle Frustration eines vom Nahostkonflikt gezeichneten Charakters, der keine Energie mehr hat, sich mit der politischen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Stattdessen verlagert er seine ganze Kraft ins Schreiben. Wenigstens in den Drehbüchern von Tel Aviv on Fire ist er der Schmied seines eigenen Glücks. Der Palästinenser Sameh Zoabi dürfte sich Ähnliches gedacht haben, als er die Arbeit an dieser wunderbar entrückten Komödie begonnen hat. Die Be- und Umschreibung der Wirklichkeit ist ihm voll und ganz gelungen.

"Tel Aviv on Fire" läuft seit dem 4. Juli in deutschen Kinos.