Draußen, vor dem geschieferten Haus, stehen die alten Tische aus Vorkriegszeiten. An einem sitzen zwei Radfahrer jenseits der 60, hauteng sportbekleidet, und löffeln bedächtig aus ihren Eisbechern. Sonst ist es still.

Drinnen, in der Gaststube, ist es dunkel. Hier sind die Tische mit einer Kunstharzschicht überzogen, die in der DDR Sprelacart hieß. Alles wirkt so, als habe jemand die Betriebskantine eines volkseigenen Kombinats durch Zeit und Raum teleportiert, in das Dorf Manebach im Thüringer Wald.

Willkommen im Eiscafé Hermannstein. Hier gibt es, zum einen, das beste Eis weit und breit. Und hier lässt sich, zum anderen, immer noch dieses Land sehen, riechen und schmecken, das vor fast 30 Jahren verschwand. Ein Relikt vergangener Zeit. Ewig änderte sich fast nichts, bald aber wird sich alles verändern. In einem Jahr schließt das Hermannstein.

Gerd Sostak hat es so entschieden. Seit fast vier Jahrzehnten ist er hier der Chef. Graumelierter Bart überwuchert sein freundlich zerfurchtes Gesicht. "Null Werbung", sagt er, mache er für sein Geschäft "und in diesem Internet schon gar nicht." Trotzdem gibt es bei Google, Stand Juli 2019, 177 Kritiken zum Hermannstein, nahezu alle sind euphorisch. Die Menschen schreiben: "DDR Nostalgie pur", "zurück in die Kindheit", "schmeckt wie von meiner Mami", "sollte unter Denkmalschutz gestellt werden".

Das Café ist eine Art unfreiwilliges Museum des gefühlten Realsozialismus. Während eine halbe Autobahnstunde entfernt, in der Erfurter Andreasstraße, die Schulklassen durch das alte Gefängnis geführt werden, in dem die Staatssicherheit die politischen Häftlinge einpferchte, wird hier den Ausflüglern positiv besetzte Erinnerungskultur geboten.

Auch das Phänomen der Warteschlange gehört im Hermannstein dazu. Die Karte mit dem Angebot des Tages ist eine Art Schieberegister aus buntem Plastik. Sie hängt dort, wo sie schon zur Eröffnung vor 53 Jahren hing: gleich über der Mixmaschine, die seit 1966 unermüdlich Shakes produziert, bevorzugt aus Erdbeereis, bevorzugt mit einem Schuss Zitrone.

1982 übernahm Gerd Sostak die Eisdiele in Manebach. Heute ist er 65, seine Frau Martina 62 Jahre alt. © Thomas Victor für DIE ZEIT

"Wozu bitte brauche ich Speisekarten?", ruft Gerd Sostak, der fortan – darauf legt er Wert – nur Gerd genannt werden will. Da, sagt er, rede es sich doch viel besser. "Wozu bitte brauche ich Speisekarten?", ruft also Gerd und zeigt auf das Schild an der Wand, gleich gegenüber dem Eingang. "Selbstbedienung" steht dort. "Die Leutchen sehen doch am Tresen, was es bei uns Schönes gibt!" Es ist ja auch eigentlich sehr einfach: Im Café Hermannstein in der Schmückerstraße 36a in Manebach gibt es das, was es immer gab. Sauerkirsch-Eisbecher mit Sahne. Erdbeer-Eisbecher mit Sahne. Bananen-Eisbecher mit Sahne. Dazu der Eisbecher Hermannstein mit extra viel Sahne.

Benannt übrigens wurde das Café nach einem nahen Felsen zwischen dunklen Fichten, auf dem schon Goethe herumkraxelte und, so geht die Legende, mit Charlotte von Stein verliebte Dinge tat.

Wer unbedingt wolle, sagt Gerd, der könne die Eissorten Joghurt, Haselnuss und Exotic haben, oder wie das neumodische Zeugs so heiße. Aber die meisten Kunden bestellten die Klassiker: Eis in der Waffel, Vanille, Schoko, Erdbeere, in dieser Reihenfolge. Ansonsten ist unbedingt noch die selbst gebackene Sahnequarktorte zu erwähnen, die mit der roten Fruchtglasur.

Das Dorf Manebach, idyllisch im Thüringer Wald gelegen © Thomas Victor für DIE ZEIT

Der Gerd, das ist jetzt klar, hat es nicht so mit den Moden. Deshalb hat er auch kein Handy, auf dem man mit den Fingern herumschieben muss. Wenn er diese Menschen sehe, sagt er, wie sie nur noch auf ihre Geräte starrten, dann wisse er: "So etwas brauche ich nicht."

Womöglich ist es so, dass eine Revolution für zwei Leben reicht. Es war Mitte der 1960er-Jahre und Gerd keine zehn Jahre alt, als sein Vater nach Manebach kam und das Haus in der Schmückerstraße kaufte, in dem sich eine große Gastwirtschaft mit Festsaal befand. Doch das interessierte Sostak senior nicht, denn er hatte einen anderen und ja, ziemlich abenteuerlichen Plan. Er trennte den Gebäudeteil, in dem sich die Bühne befunden hatte, vom restlichen Haus ab, kaufte die Sprelacart-Tische, dazu einen Tresen, den Mixer und viele Eisbecher aus eloxiertem Aluminium. Von den 9500 Mark, die er für seinen alten Wartburg F9 bekam, erwarb er eine Eismaschine. Mit der Familie zog er in die obere Etage.

Oben geht’s zum Eis © Thomas Victor für DIE ZEIT

Dann, am 1. Mai 1966, wurde das Eiscafé eröffnet, das in der DDR nicht Eiscafé hieß, sondern Milchbar. Sostak senior arbeitete auf Kommissionsbasis für die HO, die staatliche Handelsorganisation, die das Gas und den Strom zahlte und die Eltern formal anstellte. Es war eine Art ökonomischer Shake, gemixt aus viel Sozialismus und ein bisschen Kapitalismus, am Ende wurde der Profit zwischen DDR und Milchbarbetreiber geteilt. Damit hatten die Sostaks ihre Ruhe vor Partei und Obrigkeit. Vor allem aber kamen sie durch die HO einigermaßen zuverlässig an die Grundzutaten für ihr Eis, an Vollmilchpulver, Zucker und Emulgator – und an das, was es sonst für den gemeinen DDR-Menschen kaum gab: Kakaopulver, Erdbeeren, ja, sogar Bananen, dazu Mandarinen und Ananas aus der Dose.

Trotzdem, sagt Gerd, hätten die Dörfler am Anfang seinen Eltern nur ein halbes Jahr gegeben, nicht mehr. Eine Eisdiele im Thüringer Wald, in dem es damals noch von Oktober bis Ostern schneite: Wer, fragten sie, komme denn auf so etwas Verrücktes? Spätestens Weihnachten sei die Eiswaffel gegessen, und zwar für immer.