Man stelle sich einmal vor, jemand hätte einen Kinofilm über den Torwart Manuel Neuer drehen wollen. Oder über den Spieler Mats Hummels. Wäre man wirklich über einen Kurzfilm von einer Viertelstunde hinausgekommen?

Das Leben des Toni Kroos, der für Real Madrid spielt, ist jetzt in einer Länge von 113 Minuten auf der Leinwand zu sehen, und der Film ist überraschend informativ geworden. Kroos ist eine erhellende Dokumentation, die an manchen Stellen nachdenklich stimmt, und man fragt sich: Wie kann das sein? Wie kann man beim Blick auf einen so kühl agierenden Spieler genügend Stoff für einen Kinoabend zusammenbekommen, zumal dieser Mensch extrem wenige Pointen liefert, weder auf dem Platz noch im privaten Leben?

Dass das Vorhaben gelingt, liegt nicht an Toni Kroos, es liegt vor allem an seiner unerzählten Rolle, der des unscheinbaren Zauberers, dessen Wirkungsmacht ausbliebe, wenn nicht dem Fußball im Allgemeinen ein weltumspannender Zauber innewohnte. Einer wie Kroos ist auf diesen Zauber dringend angewiesen, weil ihn der Fußball – und nur der Fußball – mit einem Geheimnis ausstattet.

Dem Geheimnis rückt der Film nahe, ohne es zu lüften und ohne es damit zu verbrauchen. Gibt es eine Schönheit, die aus der Präzision herrührt, eine Anmut, die ohne Anmaßung auskommt, eine spielerische Vernunft, die Begeisterung verströmt? Würde man Toni Kroos danach fragen, wüsste er wahrscheinlich keine Antwort. Er ist selbst die Antwort, deswegen kann er nicht antworten. Am schwächsten ist der Film daher dort, wo er den Protagonisten ausführlich zu Wort kommen lässt, um dadurch dem Bedürfnis nach emotionalen Regungen nachzugeben. Die Persönlichkeit auszuleuchten, das gelingt dem Film nicht. Doch das macht nichts. Für jede Art von Gefühlsbiografie wäre der Mensch Kroos ohnehin der falsche. Es genügt vollkommen, ihn sich als Spieler vorzunehmen, ihn auf dem Rasen und in anderen Situationen neben dem Platz zu zeigen, seine Trainer, Berater, Manager und professionellen Beobachter antworten zu lassen. Vor allem die klugen Analysen des Journalisten Marcel Reif lassen erkennen, was Kroos von anderen Spitzenspielern seiner Generation unterscheidet. Kroos beherrscht die Kunst, im Publikum Bewunderung für etwas zu wecken, für das es gewöhnlich keine Bewunderung empfindet – die Zurückhaltung eines Spielers, die Verzögerung von Chancen, die Verweigerung von Machtansprüchen, die Konzentration auf Effizienz.

Kroos spielt ein System, das er kalkuliert vorträgt. Kroos relativiert die Gegenwart, er sieht manche Spielzüge voraus. Kroos strapaziert die Erwartungen vieler Fußballfans, weil er nie wild ist, nie wütend, nie draufgängerisch. Kroos ist ein Held, der sich große Zuneigung, aber auch große Abneigung mühsam erarbeiten muss, ein Anti-Ronaldo. Ein schmaler blonder Junge, der sofort heim zu seiner Familie fährt, sobald er den Job erledigt hat. Er nimmt sich selbst aus dem Rennen um Aufmerksamkeit, wechselt sich aus. Der Verzicht, so scheint es, kostet ihn nicht einmal Kraft, und das zeichnet ihn aus.