Felix Elsasser, den hier alle Fix nennen, mag nicht über Hotdogs diskutieren. "Wie teuer ist das Brot?", fragt einer. "Keine Ahnung", raunzt sein Sitznachbar. Elsasser selbst sagt nichts. Auf seinem Schoß liegt ein Aktenordner voller Beschwerden, Zonenpläne, Anwaltsschreiben.

Im Plattenladen Romp an der Steinenstrasse in Luzern haben sich sieben Nachbarn versammelt. Sie planen ein Benefizfest, darum die Hotdogs. Die Bewohner brauchen Geld für einen Anwalt und die Gerichtskosten: In ihrer Straße soll ein Hotel gebaut werden, und das wollen sie verhindern.

An der Steinenstrasse wird im Kleinen ein Konflikt ausgetragen, der im Großen ganz Luzern und den ganzen Alpenraum bewegt (ZEIT Alpen, 28/19).

Jedes Jahr besuchen mehr Touristen die Stadt. Die Hoteliers und Juweliere freut’s, doch viele Luzerner fühlen sich allmählich fremd in der eigenen Stadt, im eigenen Quartier, in der eigenen Straße.

Die Steinenstrasse ist eine der wenigen Sehenswürdigkeiten, die gefühlt noch den Stadtbewohnern gehören und nicht den Touristen. Die alten Häuser sind farbig bemalt, abgerockt, aber nicht verwahrlost. An die 50 Leute wohnen hier. Ein Dutzend von ihnen hat sich im Verein Pro Steinenstrasse zusammengeschlossen und eine Petition gegen den Hotelneubau gestartet. 1745 Luzerner haben unterschrieben, einer schrieb hinter seinen Namen: "Die Touristeninvasion muss aufgehalten werden!"

Felix Elsasser, 49 Jahre alt, nennt die Stadt, in der er wohnt, ein "Touristenkaff". Vor achtzehn Jahren kauft er das Haus an der Steinenstrasse, das Geld hatte er geerbt. Im Erdgeschoss betreibt er mit Gleichgesinnten einen Punk-Plattenladen, im Obergeschoss lebt er in einer WG mit drei Mitbewohnern. Er trägt kurze Hosen, die grauen Haare stehen wild vom Kopf ab. Vor zwei Jahren erfuhr Elsasser, dass die Besitzer des Hostels auf der anderen Straßenseite das Haus abreißen und stattdessen ein Hotel im mittleren Preissegment bauen wollen.

Bisher schlenderten ein paar Rucksacktouristen durch die Steinenstrasse. Aber was, wenn sich bald Touristengruppen, asiatische womöglich, hier einquartierten? Immerhin liegt das berühmte Luzerner Löwendenkmal nur ein paar Hundert Meter entfernt. "Ich habe nichts gegen Chinesen", sagt Elsasser, "aber es ist der Massentourismus, der mich stört, der überbordet einfach." Also hat Elsasser gegen das Bauvorhaben rekurriert. Nach einigen Anpassungen erteilte die Stadt die Baubewilligung trotzdem. Der Fall liegt beim Kantonsgericht.

Wer mit Luzernern über Tourismus spricht, der landet irgendwann bei den Chinesen. Die Chinesen sind überall: in den Leserbriefen, in den Kommentaren der Online-Portale, wenn wieder ein Uhrenladen eröffnet. Aber in der Stadt sieht man sie nur an zwei, drei Hotspots, in den Uhrenläden und vor den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Altstadt.

Die meisten Tagestouristen in Luzern kommen nach wie vor aus der Schweiz. Aus Asien hingegen reisten lediglich sechs Prozent an. Das war 2014. Heute dürften es mehr sein, wobei es keine gesicherte Statistik gibt. Aber noch immer sind die Chinesen eine kleine Gäste-Minderheit.

Beim Nachbarschaftstreffen zwischen Punkplatten hockt auch Monika Senn. Sie ist Geschäftsfrau und saß einst für die Grüne Partei im Stadtparlament. Senn, 63 Jahre alt, trägt Hausschuhe, sie wohnt gleich nebenan. Sie sagt: "Wir wollen nicht besichtigt werden." Die Steinenstrasse sei ein Ort, wo sich Handwerker und Künstler, Galeriebesitzer und Geschäftsleute begegneten, wo man sich kenne und grüße. Gegenüber von Senns Haus liegt eine Schischa-Bar. Der süßlich-rauchige Geruch zieht durch ihr Wohnzimmer, wenn sie das Fenster öffnet. Kürzlich, erzählt Senn, sei sie spät nach Hause gekommen, einer der Angestellten der Bar habe draußen gestanden. Sie hätten bis um halb zwei Uhr morgens auf der Straße geplaudert, geraucht und Bier getrunken. Senn glaubt, dass diese Art zu leben bald vorbei sein könnte: "Der Tourismus verunmöglicht das."