Doch, doch, sagt Heidi Hautala, sie habe den Namen von der Leyen schon mal gehört. "Ich wusste, dass sie eine der wenigen Frauen ist, die ein Verteidigungsministerium führen." Hautala, 63, ist Mitglied der finnischen Grünen und Vizepräsidentin des Europaparlaments. Sie weiß noch nicht, ob sie Ursula von der Leyen wählen wird.

Ryszard Legutko ist Co-Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer (EKR), einer von 26 Vertretern der polnischen Regierungspartei PiS in Straßburg, einer, dem das Nationale wichtig ist. Der 69-Jährige räumt ein, dass er bislang kaum etwas von der deutschen Ministerin weiß: "Wir müssen noch herausfinden, wie sie die Zukunft der Europäischen Union sieht." Bis kommenden Dienstag will Legutko es herausgefunden haben.

Nathalie Loiseau, 55, gehört zu den wenigen nicht deutschen Abgeordneten, die Ursula von der Leyen schon mal getroffen haben, vor ein paar Jahren sei das gewesen, erzählt die Französin. Loiseau war Direktorin der ENA in Straßburg, der Kaderschmiede der französischen Beamten, und die Berliner Verteidigungsministerin hielt dort eine Grundsatzrede. Später sah man sich wieder. Loiseau wurde Europaministerin in Paris, in Brüssel gilt sie als Vertraute von Präsident Macron. Sie kenne von der Leyen als "starke Persönlichkeit" und "gebildete Europäerin", sagt Loiseau. Aber: "Sie muss uns überzeugen, die Erwartungen sind hoch. Ihre Wahl ist kein Selbstläufer." Auch Loiseau weiß noch nicht, ob sie von der Leyen zur Präsidentin der EU-Kommission wählen wird.

Hautala, Legutko und Loiseau sind drei von 751 Europaabgeordneten; mindestens die Hälfte von ihnen müssen kommende Woche, wohl am 16. Juli, für von der Leyen stimmen. Sonst wäre sie der erste Kandidat für den Präsidentschaftsposten, der im Parlament durchfällt.

Grüne, Konservative, Liberale: Die Stimmen aus diesen Lagern könnte von der Leyen gut gebrauchen. Nur wird sie sie kaum von allen drei gleichzeitig bekommen. Denn die Erwartungen der jeweiligen Fraktionen an die mögliche künftige Kommissionspräsidentin lassen sich nicht vereinen. Und so sieht sich von der Leyen in ihrem Werben um die Gunst des Parlaments mit einem Dilemma konfrontiert: Sie muss in den kommenden Tagen deutlich machen, wofür sie als Kommissionspräsidentin stünde – doch mit jedem Schritt, den sie auf einige Abgeordnete zugeht, riskiert sie, andere zu verlieren.

Seit sie am Dienstag vergangener Woche nominiert wurde, versucht von der Leyen, das größte Handicap ihrer Kandidatur wettzumachen: Die meisten Europaabgeordneten kennen sie nicht – und sie kennt die wenigsten Abgeordneten. Öffentliche Auftritte hat sie seitdem, ganz gegen ihr politisches Naturell, weitgehend gemieden. Die unausgesprochene Botschaft dahinter lautet: Meine ganze Aufmerksamkeit gilt jenen, die mich wählen sollen. In den wenigen Tagen bis zur Wahl muss sie das Kunststück fertigbringen, kenntlich zu werden, ohne sich festzulegen. Nach und nach besucht sie die verschiedenen Fraktionen, aber erst unmittelbar vor der Wahl in der kommenden Woche wird sie ihr Programm für die Zukunft der EU dem Parlament präsentieren.

Bis dahin versuchen die Abgeordneten sich, so gut es eben geht, ein Bild von der Frau zu machen, die sie allenfalls aus dem Fernsehen kennen, wenn überhaupt. "Stimmt das?", fragt die Finnin Hautala im Gespräch, als sie hört, dass von der Leyen sich in ihren Ministerien oft gegen heftige interne Widerstände durchgesetzt habe. Die Europäische Kommission ist ein gewaltiger Apparat mit rund 32.000 hoch qualifizierten und entsprechend selbstbewussten Beamten. Eine der größten Herausforderungen für jeden, der in Brüssel anfängt, besteht darin, sich nicht von diesem Apparat vereinnahmen zu lassen. "Wir müssten ihr eine Chance geben", sagt Hautala. Fast klingt es so, als wolle sie sich vorab dafür entschuldigen, falls sie am kommenden Dienstag doch gegen von der Leyen stimmt.