Der Leser hat in der ZEIT Nr. 29/14 einen Artikel über den englischen Aktivisten John Thalwell gelesen, der Ende des 18. Jahrhunderts vor mehr als 200.000 Zuhörern geredet haben soll. Ob ihn auch alle verstanden haben? Sicherlich ging es bei solchen Massenveranstaltungen nicht darum, jedes Wort mitzubekommen. Aber nehmen wir die Frage ernst – von wie vielen Menschen kann man unter freiem Himmel ohne Verstärkung verstanden werden?

Einer der Ersten, die sich darüber Gedanken gemacht haben, war der amerikanische Politiker Benjamin Franklin. Der hörte Mitte des 18. Jahrhunderts in Philadelphia eine Rede des bekannten englischen Predigers George Whitefield, der in seiner Heimat angeblich schon zu 25.000 Menschen gesprochen hatte. Franklin entfernte sich vom Redner, bis er ihn gerade noch hören konnte, berechnete dann die Größe eines Halbkreises um Whitefield herum und kam zu dem Schluss, dass tatsächlich 30.000 Zuhörer der Predigt folgen konnten.

Vor ein paar Jahren wollten die Akustiker Braxton Boren und Agnieszka Roginska von der New York University Franklins Überschlagsrechnung am Computer verifizieren. Sie bauten digitale Modelle mehrerer Orte, an denen der Prediger gesprochen hatte, schätzten dessen Lautstärke und berechneten dann, wo man noch mindestens 30 Prozent der Rede verstehen konnte. Bei einer Menschendichte von zwei Personen pro Quadratmeter kamen sie so auf einen theoretischen Wert von bis zu 60.000 Menschen, wie sie auf der Jahrestagung der Acoustical Society of America referierten.

Es war also für geübte Redner tatsächlich möglich, Zehntausende Menschen mit lauter Stimme in ihren Bann zu ziehen. Mehr als 100.000 aber eher nicht.

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