Anders als die echte Grippe, eine Winterkrankheit, hat die gemeine Erkältung im Prinzip das ganze Jahr über Saison. Verursacht wird sie von vielen verschiedenen Erregern, die irgendwo im Atemtrakt andocken. Diese Viren sind ausgeprägte Charakterdarsteller. Mal treten sie näselnd-tröpfelnd auf, mal bellendhustend, und manche von ihnen wüten in den Stirnhöhlen.

Es gibt Hunderte verschiedene Erkältungsviren, die aus sieben Großfamilien stammen. Jeder Erreger hat seine Besonderheiten, eigene Tricks, die dem Menschen das Dasein vorübergehend vermiesen. Rhinoviren (RV) werfen sich gern auf die Nasenschleimhäute, Coronaviren suchen das gesamte Atemsystem heim, Adenoviren nisten sich kratzend auf den Augen ein, und das gemeine Respiratory-Syncytial-Virus macht sich über die Lunge her.

Erwachsene erleiden durchschnittlich zwei bis drei Erkältungen im Jahr, kleine Kinder bis zu zwölf. Es ist sogar möglich, mehrere Erkältungserreger gleichzeitig auszubrüten.

Menschen können je nach Konstitution unterschiedlich auf den gleichen Erreger reagieren: Der eine hustet, der andere schnieft. So erlebt jeder seine eigene Schnupfengeschichte. Beim einen fängt es mit einem Kratzen im Hals an, beim anderen mit einer laufenden Nase – wobei Letzteres als eigentlicher Schnupfen oder lateinisch als Rhinitis gilt. Was aber lässt sich gegen diesen Zoo von Viren ausrichten?

Dass die Erreger so verschieden sind, erschwert die Entwicklung einer Impfung. Dagegen ist die jährliche Produktion der Vakzine gegen die vier Erregervarianten der echten Grippe (Influenza) eine leichte Übung. Noch am besten stehen die Chancen bei den Rhinoviren, die zwei Drittel aller Erkältungen auslösen. Sie umfassen zwar 160 Unterarten, doch sind die einander sehr ähnlich. Das müsste sich für die Produktion eines universellen Impfstoffs ausnutzen lassen.

Die größte Priorität für Forscher hat dabei nicht, ansonsten gesunden Menschen eine banale Laufnase zu ersparen, sondern chronisch Kranke zu schützen, für die auch Allerweltsviren gefährlich sein können. Bei Asthmatikern zum Beispiel lassen Rhinoviren der Spezies RV-A und RV-C die Konzentration des Botenstoff Interleukin 25 in den Wänden des Atemtraktes ansteigen, eine Entzündung entsteht. So löst ein Rhinovirus jeden zweiten Asthmaanfall bei Kindern aus. Auch Menschen mit chronisch verengten Atemwegen (COPD), Patienten mit anderen Lungenerkrankungen wie der Mukoviszidose oder ältere Menschen können durch an sich harmlose Rhinoviren schwer erkranken. Der Bedarf an Erkältungsschutz ist also groß.

Jahrzehntelang haben Forscherinnen und Forscher erfolglos gesucht, doch inzwischen tut sich auf diesem Gebiet einiges. Martin Moore – ehemals Kinderarzt an der Emory University School of Medicine in Atlanta – versucht mit seiner Firma Meissa Vaccine, deaktivierte Varianten der 50 häufigsten Rhinovirentypen in eine Impfung zu quetschen und damit das Immunsystem zu trainieren. Immerhin löste dieser Cocktail eine günstige Immunreaktion in Rhesusaffen aus. Allerdings ist die Herstellung eines solch komplexen Cocktails für die Massenproduktion zu aufwendig.

Neue Impfstoffe sollen viele Viren auf einmal stoppen

Gregory Tobin, Chefwissenschaftler der Firma Biological Mimetics, will das Immunsystem deshalb mit einem Universalfremdkörper trainieren, der möglichst viele molekulare Eigenschaften von verschiedenen Rhinoviren in sich vereint. Der heiße Kandidat M5 konnte schon 41 von 61 der häufigsten Virentypen neutralisieren – im Labor. 2016 erhielt Tobin ein entsprechendes Patent.

Doch selbst ein gegen verschiedene Virentypen trainiertes menschliches Immunsystem attackiert nicht die zentralen Zugangsschlüssel der Erkältungsviren – jene Strukturen, die den Viren die Pforten in die Wirtszellen öffnen. Um diesen Generalschlüssel zu erkennen, will das Wiener Unternehmen Viravaxx das Immunsystem trainieren. Ende dieses Jahres soll der erste Impfstoff-Kandidat entwickelt sein. Bis zum Patienten ist es aber noch ein langer Weg. "Bis ein solcher Impfstoff verfügbar ist, vergehen zehn bis zwölf Jahre", sagt Rainer Henning, Chef von Viravaxx.