Die Zukunft scheitert an einem kaputten Kabel. Ioannis Giannopoulos sitzt in einem Labor an der TU Wien, vor ihm blinken Fehlermeldungen auf einem Bildschirm auf, in der Mitte des ansonsten durchgehend weißen Raums baumelt eine Meta-2-Brille von der Decke, eine Mixed-Reality-Brille. Wer sie aufsetzt, kann 3-D-Projektionen im Raum sehen und mit bloßen Gesten Programme steuern. Die analoge und digitale Welt verschmelzen dann. Doch irgendwas funktioniert heute nicht. Giannopoulos zuckt mit den Schultern und resigniert. Auch die besten Informatiker der Welt haben Computerprobleme. "Das wird heute nichts mehr", sagt der erst 33-jährige Professor für Geoinformatik.

In den Laboren von Giannopoulos unweit des Wiener Karlsplatzes werden Dinge ausprobiert, die für Außenstehende wie Science-Fiction wirken. Am Tisch steht ein Sicherheitshelm mit dem Logo der Wiener Netze. Es sei eine "Weltinnovation", sagt der Forscher. Wer den Helm aufsetzt und nach draußen geht, sieht die Wiener Unterwelt, die Kabel und Rohre, die unter dem Asphalt verlaufen. Die Entwicklung soll Bauarbeiten vereinfachen und Unfälle vermeiden.

Seit eineinhalb Jahren ist Ioannis Giannopoulos Professor in Wien. Sein Fach, die Geoinformatik, verbindet Computer- und Geowissenschaften, es geht um die Erfassung von Bewegung im Raum, um Navigation und um das menschliche Verhalten. Die Technologie, die Forscher wie Giannopoulos entwickeln, wird für selbstfahrende Autos genutzt, für Stadtplanung, für interaktive Landkarten oder für den öffentlichen Verkehr. Sie ist Teil der digitalen Revolution, die alle Lebensbereiche erfasst hat und die utopische Hoffnungen ebenso wie dystopische Ängste hervorruft.

Giannopoulos ist ein Star in seinem Fach, vertrat mit nicht einmal 30 Jahren die ETH Zürich auf internationalen Konferenzen und räumte wissenschaftliche Preise ab. In seinem Büro steht ein Mountainbike neben einer langen Bücherwand – die Bände sind noch von seinem Vorgänger. Giannopoulos will sie alle durchsehen, rund ein Viertel hat er bislang geschafft.

Wenn er über seine Forschung spricht, gerät er in Fahrt. Der Grieche, der zweisprachig aufgewachsen ist, redet dann oft schneller, als ihm die deutschen Worte dazu einfallen, immer wieder wechselt er ins Englische. Dass er zur Weltspitze gehört, weiß er. Attitüden zeigt er keine. Er wirkt hemdsärmlig, will neugierig machen und den Nutzen seiner Forschung hervorheben. Er erzählt dann davon, dass er mit seinem Team das "stärkste und präziseste Verfahren" entwickelt habe, um vorherzusagen, wie Städte wachsen. Wo entstehen Grünflächen, wo Wohngebiete, wo wird die Stadt schrumpfen und wo wachsen? All das könne mit einer Genauigkeit von 87 Prozent prognostiziert werden.

Geoinformatiker treibt die Frage um, wie sich Menschen bewegen und wie sie komplexe Entscheidungen treffen. Das Ziel sei es, eine sinnvolle Assistenz zur Verfügung zu stellen. Wer eine Mixed-Reality-Brille trägt, dessen Kopfbewegungen werden analysiert. Ist man gestresst oder vertraut mit der Umgebung? Wie bewegen sich die Augen, was lässt sich daraus ableiten? Welche Hilfestellung wäre in einem bestimmten Moment passend, touristische Informationen zu Gebäuden, Restauranttipps oder Routenvorschläge? All das sollen Algorithmen entscheiden.

In einem Versuch ließ Giannopoulos mit seinen Kollegen von der ETH ein Programm nur die Augenbewegungen von Menschen beobachten, die wiederum eine digitale Landkarte studierten. "Wir haben den Algorithmus so trainiert, dass er nach einigen Sekunden wusste, was die Person macht. Ob sie etwa eine Route plant oder nach einem Ort sucht", erzählt Giannopoulos. Die Karte passt sich dann den Bedürfnissen an.

Es gibt zahllose Anwendungsmöglichkeiten für Geoinformatik, sie reichen von der effizienten Navigation durch unbekannte Städte bis zur Assistenz für körperlich beeinträchtigte Menschen, die mithilfe der Augenbewegungen Computer bedienen können.

Das ist die eine, die schöne Seite der Technik. Doch alles, an dem hier gearbeitet wird, kann auch anders genutzt werden. Für einen Überwachungsstaat zum Beispiel.