Liebe Ella,

ich bin eine häufig gut gelaunte Mama mit zwei wunderbaren Töchtern und einem wunderbaren Mann an meiner Seite. Ich arbeite gerne, bin erfolgreich – und nehme das mit der Emanzipation sehr ernst. Mein Mann auch. Derzeit arbeite ich, während er ein Jahr Auszeit nimmt, um unsere Kleine zu betreuen. Alles gut also, so weit.

Trotzdem regt mich alles, was mit Emanzipation und kleinen und großen Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen zu tun hat, MASSLOS auf: Der Mann einer Freundin legt die Füße hoch, sobald sie vom Kongress heimkommt, nachdem er EIN MAL am Samstag beide Kinder hatte. Eine Bloggerin fragt sich, wie sie Kinder, Teilzeitjob, Haushalt unter einen Hut bekommen soll, und ihr Mann, den es offenbar gibt, taucht in ihren Überlegungen KEIN EINZIGES MAL auf. Oder dass mein männlicher Vorgänger im Job trotz weniger Arbeitserfahrung 500 Euro brutto mehr verdient hat als ich.

Es gibt noch so viel, was nicht läuft oder falsch läuft oder ganz anders läuft, als man (ich) es sich wünschen würde. Das macht mich wütend. Nach Gesprächen, in denen ich mich mal wieder in Rage geredet habe, fühle ich mich noch ungerechter behandelt als vorher. Als Frau habe ich das Gefühl, nicht einfach sagen zu können: Mir geht es gut, eigentlich ist alles okay. Ich muss quasi wütend sein, weil das Thema Gleichberechtigung noch lange nicht durch ist.

Was soll ich machen? In die Politik gehen? Eine Frauenorganisation gründen? Wohin mit meiner Wut?

Eine wütende emanzipierte Frau

Liebe wütende emanzipierte Frau,

es ist heiß heute Abend, wahnsinnig heiß. Am liebsten würde ich jetzt mit Ihnen in einer Cocktailbar sitzen und Ihnen meine Antwort sagen, statt sie aufzuschreiben, dann müsste ich nur die Lippen bewegen, statt beim Tippen mit den Unterarmen an der Tischplatte festzukleben. Sie und ich, zwei Handvoll Eis für die Drinks, drei Armvoll für kalte Fußbadbecken. Wir würden ziemlich teures Zeug bestellen und erst gehen, wenn die Kneipe schließt, was in Hamburg ziemlich lange dauern kann – macht aber nichts, weil Ihr Mann versprochen hätte, sich um die Kinder zu kümmern, auch morgen früh. Und wissen Sie, womit wir die Rechnung bezahlen würden? Mit den 500 Euro, die Ihr Vorgänger im Job mehr verdient hat als Sie, weil er einen Penis hat. 500 Euro, die Ihnen selbstverständlich zustehen, VERDAMMT (woah, ich wollte auch mal versal)!

Vorab möchte ich Ihnen dazu gratulieren, dass es Ihnen gelungen ist, einen Partner zu finden, mit dem Sie in einer offenbar weitgehend gleichberechtigten Beziehung leben. Wahrscheinlich hätten Sie sich in einen Mann, der das anders sieht, auch einfach gar nicht erst verliebt.

Da gibt es also zum einen den familiären Rahmen, in dem die Dinge mehr oder weniger so laufen, wie Sie sich das vorstellen. Aber dann gibt es die Welt da draußen – in der Sie natürlich auch unterwegs sind, sei es in Beruf, Elternschaft oder anderen sozialen Beziehungen. Und diese Welt ist eben mehrheitlich nicht so aufgestellt wie Ihre. Dort sind Sie konfrontiert mit Geschlechterverhältnissen, die Sie für sich überwunden haben mögen. Aber hört man auf, sich über den Regen zu ärgern, nur weil man einen Schirm dabeihat? Zumal Ihre Füße ja trotzdem nass werden, Stichwort: 500 Euro.

Ich hatte mal eine Freundin, die eines Abends im Laufe einer politischen Diskussion, bei der es um Widerstand und Engagement ging, erklärte, ihr sei das alles zu viel, sie versuche einfach, privat ein guter Mensch zu sein, was ich fragwürdig fand. Sie erwies sich übrigens später in ebendiesem privaten Umfeld als gar nicht so guter Mensch, sondern vielmehr als unempathischer Klotz. Wir haben uns aus den Augen verloren. Wahrscheinlich ist sie noch im Elternbeirat und gießt die Blumen bei den Nachbarn, wenn sie im Urlaub sind.

Worauf ich hinauswill: Sich über Missstände zu empören und sich dafür einzusetzen, sie zu überwinden – selbst wenn sie einen nur mittelbar betreffen –, ist menschlich. So geht Solidarität. Deshalb tun Sie mir einen Gefallen: Versuchen Sie nicht, diese Wut wegzuatmen. Mischen Sie sich ein – im Freundeskreis, im Kindergarten, im Netz, am Arbeitsplatz. Und wenn Sie die 500 Euro mehr durchgesetzt haben, geben Sie ein Zeichen. Es ist immer noch wahnsinnig heiß hier.

Ihre Ella