In den letzten Wochen und Monaten ließ sich oft beobachten, wie sehr in den Debatten über Schulpolitik statt wissenschaftlichen Erkenntnissen Mythen dominieren. Der Stichtag der Einschulung, die Gestaltung der Schulräume und ganz besonders die Frage nach der Digitalisierung erregen die Gemüter – und lenken im selben Maße von den eigentlichen Fragen ab.

An die digitalen Medien knüpft sich die Hoffnung auf eine wahre Bildungsrevolution. Entsprechend viel Geld wird in die Anschaffung von Technik investiert. Je digitaler der Unterricht, so glaubt man, desto besser lassen sich kritisches Denken, Kreativität, Kollaboration und Kommunikation fördern.

Aber einmal abgesehen davon, dass es diesen vier Ks einer zeitgemäßen Bildung, formuliert von der OECD, an einem bildungstheoretischen Fundament fehlt (sie gelten für den Papst ebenso wie für einen Mafiaboss) und selbst Humboldts Bildungstheorie elaborierter ist, weist die Empirie die Euphorie in ihre Schranken: Noch sind keine Anzeichen dafür zu erkennen, dass digitale Medien Schule und Unterricht revolutionieren werden. Und das, obwohl wir letztlich auf diese Revolution schon seit der massenhaften Verfügbarkeit von Computern, also seit dreißig, vierzig Jahren warten.

Der Grund dafür ist leicht zu erkennen: Medien sind für den Lernerfolg nur ein Oberflächenmerkmal. Wichtiger ist die Tiefenstruktur, etwa die Professionalität von Lehrpersonen. Ein schlechter Unterricht wird durch digitale Hilfsmittel nicht besser. Erst dann, wenn ein hohes Maß an Unterrichtsqualität die Grundlage ist, können digitale Medien den Lernerfolg steigern.

Vor diesem Hintergrund ist auch die ewige Debatte um das Handyverbot an Schulen zu sehen, die vergangene Woche an dieser Stelle mit Klaus Hurrelmann in die nächste Runde gegangen ist. Nicht selten wird dabei unterstellt, Lehrpersonen, die vor dem Schulhaus die Handys der Kinder und Jugendlichen einsammeln, täten dies aus Angst vor der Digitalisierung. Dass sie es aus pädagogischer Verantwortung tun, wird ignoriert. Ebenso, dass ihnen die Empirie recht gibt und vor einfachen Antworten warnt.

So wird in der Studie Brain Drain nachgewiesen, dass die Lernleistung und die Aufmerksamkeit am geringsten sind, wenn das Handy in Griffnähe liegt, am größten, wenn es sich außerhalb des Klassenraumes befindet – in Zeiten von Bring Your Own Device (BYOD) ist das eine interessante Tatsache. Die Studie The pen is mightier than the keyboard legt nahe, dass Digital Natives nachhaltiger lernen, wenn sie ihre Mitschrift mit Papier und Bleistift machen und nicht am Computer. Und in der Studie Don’t throw away your printed books wird resümiert, dass Lesen von Papier dem Lesen auf dem Touchscreen überlegen ist, sobald es um Informationsverarbeitung geht. Keine Frage: Technik hat Möglichkeiten zum Guten und zum Schlechten – auch das Handy. Entscheidend bleibt in jedem Fall die Qualität des Unterrichts.

Ähnlich mythisch aufgeladen wie die Frage der Technik ist das Konzept neuer Schulräume, die dann auch gleich eine "neue" Pädagogik ermöglichen sollen. So werden Lernhäuser propagiert, die offene Räume für ein offenes Lernen bieten.

Häufig wird dabei kein Argument, sondern Anschauung geboten, am liebsten eine Bilderfolge von einem Schulraum um 1900, aus den Fünfzigerjahren und aus den Nullerjahren. Zu sehen ist immer dasselbe: Kinder, die in Reihen sitzen, zur Lehrperson blicken und sich melden. Die Botschaft soll sein: Schule hat sich nicht verändert und ist deswegen schlecht. Erst wenn sich bei einem Blick in ein Klassenzimmer Veränderung zeigt, wird Schule zukunftsgerecht und Lernen erfolgreich.

So plausibel diese Argumentation auch scheinen mag, empirisch hat sie wenig Gehalt: Oberflächenstrukturen, wie etwa die Frage der Sitzordnung, haben auf den Lernerfolg keinen entscheidenden Einfluss. Viel wichtiger sind auch hier die Tiefenstrukturen: Wie herausfordernd ist der Unterricht? Wie wertschätzend ist die Lehrer-Schüler-Beziehung? Und welche Fehlerkultur herrscht im Klassenzimmer vor?