Wer eine Wohnung besitzt, kann sie vermieten und damit Geld verdienen. Wer einen Acker hat, kann ihn an einen Bauern verpachten, der darauf Getreide anbaut. Aber wer einen Wald besitzt, der überlässt ihn sich selbst – und dann vergammelt er. So ist das oft. Zu oft.

Hans-Georg von der Marwitz weiß, was Waldbesitz bedeutet. Dem 58-Jährigen gehören bei Friedersdorf in Brandenburg etwa 110 Hektar. Kiefern meist. Ein paar Eichen, Fichten und Akazien. "Wir haben hier jetzt die Waldbrandgefahrenstufe fünf, das ist die höchste im ganzen Land", sagt er, als er Anfang Juli über einen kleinen Wirtschaftsweg in seinen Forst stapft. Es war lange sehr heiß und trocken, in Mecklenburg-Vorpommern brennt der Wald seit Tagen. "Eigentlich sollten wir hier jetzt überhaupt nicht reingehen, aber wir müssen uns anschauen, was gerade mit den Bäumen passiert."

Wenn von der Marwitz Wald sieht, dann sieht er nicht nur Bäume. Er sieht Probleme, von denen die Waldbrände nur das jüngste sind. Schlimmer sei, dass sich niemand so richtig verantwortlich fühle.

Nur eine Hälfte des deutschen Waldes ist Staatseigentum. Die andere "ist im Privatbesitz und gehört knapp zwei Millionen Menschen", sagt von der Marwitz. Obwohl das Land zu großen Teilen mit Wald bedeckt ist, sind die einzelnen Waldgrundstücke oft überraschend klein. Adelsfamilien wie den Thurn und Taxis gehören zwar ausgedehnte Flächen – doch jeder zweite Eigentümer hat nicht einmal mehr zwei Hektar. Der Waldbesitz zerbröselt wie ein Stück alter Baumrinde. Von der Marwitz, seit Januar Präsident der Arbeitsgemeinschaft deutscher Waldbesitzerverbände, hat also einen undankbaren Job: Er ist Cheflobbyist von Eigentümern, die oft gar nicht wissen, dass sie eine Lobby haben. Die vielleicht noch nicht einmal wissen, dass sie überhaupt Wald haben. Oder was sie damit anstellen sollten.

Neun von zehn Waldbesitzern haben nie in der Forstwirtschaft gearbeitet

Die meisten kommen eher unfreiwillig an ihren Forst: Sie erben ihn. Einem fernen Urahn hat mal viel davon gehört, dann wurde der Wald Generation um Generation in kleinere Parzellen zerlegt oder ideell auf Erbengemeinschaften verteilt, deren viele Mitglieder kaum mehr entscheidungsfähig sind und am Ende auch zu wenig Wald besitzen, als dass sich das wirklich lohnen würde. Jedes Jahr werden 65.000 Menschen hierzulande neu zu Waldbesitzern, hat eine Analyse des bundeseigenen Thünen-Forschungsinstituts ergeben. Viele wohnen in den Städten und kennen ihre Waldstücke allenfalls aus Grundbuchauszügen. Finden würden sie sie ohne GPS-Peilung kaum, und selbst wenn: Was damit tun? Neun von zehn Waldbesitzern haben der Analyse zufolge nie selbst in der Land- oder Forstwirtschaft gearbeitet. Der deutsche Wald ist ein Wald der Ahnungslosen.

Von der Marwitz ist da untypisch. Seine Familie ist alter brandenburgischer Adel, Landwirtschaft war stets Teil ihrer Geschichte. Seit dem 17. Jahrhundert hat sie ihre Spuren in Friedersdorf hinterlassen. Ihr gehörte das Schloss neben der kleinen Barockkirche, das Theodor Fontane in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg beschrieben hat und das nach dem Krieg von den Sowjets gesprengt wurde. Geblieben ist das gelbe Torhaus mit weißen Sprossenfenstern und dem rotem Dach, umgeben von einer gut zwei Meter hohen Natursteinmauer. Hier wohnt von der Marwitz mit seiner Familie.

Geboren wurde er 1961 in Heidelberg, im Jahr des Mauerbaus. Die Familie lebte während der deutschen Teilung im Westen, ihr Besitz wurde enteignet. "Als die Mauer fiel, habe ich als junger Landwirt gerade meine ersten Erfahrungen in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben gesammelt, und ich habe das Land sofort zurückgekauft", sagt er. Heute bewirtschaftet er hier 1.000 Hektar nach ökologischen Kriterien – und seine Waldfläche.

Er geht tiefer in den Forst hinein. Am Wegesrand fallen immer wieder trichterartige und halbkreisförmige Vertiefungen auf. "Alte Schützenstellungen", erklärt er. "In der Nähe liegen die Seelower Höhen. Dort fand die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkriegs statt, bevor die sowjetischen Truppen Berlin erreichten." Zehntausende verloren damals ihr Leben. Bis heute stecken viele alte Bäume in von der Marwitz’ Wald voller Granatsplitter. Sie sind fürs Sägewerk kaum mehr zu gebrauchen.