Natürlich hat er eine Freundin. So wie sie alle eine Freundin haben. Sie weiß nicht, dass er schwul ist. Er sagt: "Es ist kompliziert."

Das Ausweichen ist ihm zur zweiten Natur geworden. Wenn seine Freunde sagen, dass man Schwule schlagen, ja umbringen sollte, schweigt er. Wenn Nachbarn erzählen, dass man ihre Leichen ins Meer werfen sollte, schaut er zur Seite. Wenn Leute ihn fragen, warum er sein Heimatland Gambia verlassen habe und nach Dakar gekommen sei, Hauptstadt des Senegal, Land am westlichsten Zipfel des afrikanischen Kontinents, antwortet er: "Um hier mein Glück zu versuchen." Wenn sie ihn aufziehen und sagen: "Du musst da unten doch was verbrochen haben", lacht er nur.

Keiner darf wissen, wer er wirklich ist. Keiner darf ahnen, warum er seine Heimat verlassen hat.

Der junge Gambier ist 20 Jahre alt, seine Identität muss verborgen bleiben. Nennen wir ihn Mamadou Jallow. Er sehnt sich nach Verbündeten, denn er ist allein, ohne den Schutz einer Familie in einer Kultur, in der Familie alles ist. Doch an wen soll er sich wenden? Sucht er Anschluss an jene, die sind wie er, könnte er sich gefährden. Vor allen anderen muss er sich verbergen.

Erstaunlicherweise gab es eine Zeit, in der Schwule gut im Senegal leben konnten. Der britische Journalist Michael Davidson schreibt: "1949 war Dakar die gay city of West Africa. Als ich zehn Jahre später zurückkam, war sie schwuler als je zuvor."

Inzwischen werden Schwule von Mobs verprügelt, bisweilen auch von der Polizei, es gab Fälle von Folter. Eine der unheimlichsten Begebenheiten ereignete sich im Jahr 2009 in der Stadt Thiès. Jugendliche filmten sich bei der Schändung des Grabs eines HIV-Aktivisten, das Video wurde später als DVD auf Märkten verkauft. Sie exhumierten den Leichnam, bespuckten ihn, warfen ihn vor das Haus seiner Eltern. Ein schwuler Mann, sagte einer der Jungen später zu Associated Press, müsse "wie Müll weggeworfen werden". Schwule werden beschimpft, verlacht und diskriminiert. In regelmäßigen Abständen zelebriert das Land kollektiv seine Homophobie, so wie jetzt, da zwei Skandale den Senegal erschüttern.

Der erste entzündete sich an einer internen Mail, die Mitglieder der internationalen Hilfsorganisation Oxfam weltweit erhielten. In einem sogenannten Liebesbrief plädierten LGBTI-Aktivisten der Organisation dafür, deren Rechte zu stärken, was Elimane Kane entrüstete, einen Mitarbeiter von Oxfam im Senegal. Kane nannte die Mails "gewalttätig". Sein Arbeitgeber drohte ihm mit Entlassung, begründet mit Kanes regierungskritischem Engagement, das mit seiner Funktion kollidiere. Kane machte den Vorgang öffentlich. Es folgte ein Aufschrei: Wieder einmal wolle der Westen Afrika zeigen, wo es langgehe. Der Westen müsse verstehen, dass Senegal keine Kolonie sei, zürnte die muslimische NGO Jamra, die es als ihre Aufgabe sieht, "soziale Plagen" zu bekämpfen. Auch christliche Geistliche sprechen derzeit viel von heiligen Werten und Traditionen, die es zu verteidigen gelte. Keine einzige Menschenrechtsorganisation wagt, die Rechte von Homosexuellen öffentlich zu verteidigen – man will nicht als Instrument des Westens gelten. Selbst LGBTI-Organisationen scheuen politische Lobbyarbeit. Sie agieren vorsichtig unter dem Deckmantel der Aidsprävention.

Den zweiten Skandal entfachte Wally Seck. Am 5. Juli trat der Sänger bei einem Benefizkonzert mit einem Regenbogen-T-Shirt auf, dem Symbol der LGBTI-Bewegung. Der Sturm der Entrüstung war gewaltig. Die Presse erinnerte daran, dass Seck in der Vergangenheit bereits eine Handtasche und ein eng anliegendes perforiertes Shirt getragen hatte. Ein Imam bezichtigte ihn der Schwulenpropaganda. Ein anderer drohte, eine Liste mit den Namen homosexueller Persönlichkeiten zu veröffentlichen, darunter hochrangige Politiker und Geistliche. Die Tatsache, dass sich in der Kleinstadt Louga mehrere Männer die Haut gebleicht haben, war der Zeitung L’Observateur einen langen Artikel wert. Das Netz schäumt, Drohungen gegen Homosexuelle nehmen zu.