Fischen, ohne leer zu fischen – Seite 1

Frühmorgens um sechs, nicht weit vom Nordkap entfernt. Der Fischtrawler Tønsnes pflügt durch die aufgewühlte Barentssee, hinter sich ein Schleppnetz für den Kabeljaufang. Von der Seite hat sich ein graues Patrouillenschiff der norwegischen Marine genähert und ein Schnellboot zu Wasser gelassen. Auf dessen Bug stehen Dag Martin Tverborgvik, Fischereikontrolleur im Dienst der norwegischen Küstenwache, und der ZEIT-Reporter. Sie machen sich bereit für den Sprung auf die Jakobsleiter, die von der Reling des Fischtrawlers herabhängt.

Beide stecken in grellen Schwimmanzügen mit integrierten Stiefeln. Sollte einer beim Sprung vom schwankenden Schnellboot auf die schlenkernde Strickleiter ins eiskalte Wasser fallen, könnte ihn die Besatzung schnell wieder an Bord hieven. Denn an der Brustpartie ihrer Anzüge ist jeweils ein großer Griff befestigt.

Wäre der Seegang zu stark, würde Tverborgvik sich vom Bordhelikopter des Patrouillenschiffs aus direkt aufs Deck des Fischtrawlers abseilen. Aber heute ist das nicht nötig, der Sprung vom Schnellboot gelingt Tverborgvik (und dem nachfolgenden Reporter). Auf dem rutschigen Deck der Tønsnes türmen sich Netze mit leuchtend gelben Bojen auf. Ihnen gilt Tverborgviks erster Blick. Für ihre Maschenweite gibt es eine gesetzlich festgelegte Mindestgröße. Damit soll verhindert werden, dass zu junge Fische im Netz landen, sind sie doch die Grundlage künftiger Fischerei. Die Maschenweite ist der erste Punkt auf einer ganzen Liste an Kontrollaufgaben.

Der Fischfang in Norwegens Küstengewässern ist durch und durch reguliert. Und er wird auch kontrolliert. Fast 1500 Inspektionen führt die norwegische Küstenwache mit ihren 13 Schiffen jedes Jahr durch. 250 Kapitäne wurden 2018 für Verstöße gegen einen der 50.000 einschlägigen Paragrafen verwarnt, 50 Kapitäne wurden angeklagt. Es mag nach überbordender Bürokratie klingen, doch das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand. Ein Ergebnis, das sich jeder Verbraucher in Deutschland per App anschauen kann.

Fischereirechte im hohen Norden

© ZEIT-Grafik

Ende der 1980er-Jahre war der Kabeljau vor Norwegens Küste so sehr überfischt, dass er kurz vor dem Aussterben stand. Es drohte der Zusammenbruch der gesamten Fischereiindustrie, die sich zu über 50 Prozent auf den Kabeljau stützt. Die Norweger hätten ohne ihren geliebten Skrei, die Briten ohne Fish and Chips, die Portugiesen ohne Bacalao leben müssen. Doch dann verständigten sich Norwegen und Russland, die beiden Anrainer der Barentssee (siehe Karte), auf eine gemeinsame Fangquote. Und vor allem begannen sie damit, deren Einhaltung auch flächendeckend zu kontrollieren. Der Erfolg ist unübersehbar – er könnte in anderen Weltregionen zum Vorbild für den Umgang mit überfischten Beständen werden.

Heute schwimmen so viele der beliebten Raubfische in den arktischen Gewässern wie zu Beginn der 1950er-Jahre. Entsprechend üppig sind die Fangquoten. 775.000 Tonnen Kabeljau dürfen in diesem Jahr in der Barentssee gefangen werden, das ist nah am Allzeithoch.

Und wer in Deutschland, wie es viele Verbraucher tun, beim Fischkauf auf nachhaltigen Fang achten möchte und deshalb zum Beispiel die "Fischratgeber"-App von Greenpeace zurate zieht, der liest beim Kabeljau: "nicht empfehlenswert". Ausnahme: "Nordostatlantik" – dort liegt die Barentssee. Und dort ist der Bestand so groß, dass die Schwärme mit dem Echolot leicht aufzuspüren sind.

Die Crew der Tønsnes besteht aus 16 Männern. Sie arbeiten im Schichtbetrieb rund um die Uhr: sechs Stunden Arbeit, dann sechs Stunden Pause. "Die Arbeit ist hart, aber so gut bezahlt wie auf den Ölplattformen", sagt Evan Hansen. Rund 10.000 Euro im Monat verdient der ungelernte 23 Jahre junge Norweger im stinkenden und schwankenden Unterdeck des Fischtrawlers.

Kurt Bendiksen ist der Kapitän des Schiffs. Er zeigt sich ausgesprochen zufrieden mit dem Zustand der norwegischen Küstenfischerei: "Als ich vor fast zwanzig Jahren auf der Tønsnes anfing, hatten wir große Sorgen. Jetzt sind die Fangquoten höher, und der Preis ist besser." Bis zu 50 Tonnen landen täglich in den Netzen der Tønsnes. Man darf sie sich nicht als reines Fangschiff vorstellen, sie ist eine schwimmende Fabrik.

Auf einem Fließband rutscht der Fang direkt unter Deck, ein Kabeljau nach dem anderen. Dort wartet eine nimmermüde Maschinerie auf die Fische: Ein kreischendes Fallbeil schneidet ihnen den Kopf ab, dann werden die Innereien ausgenommen, schon wenige Minuten nach dem Fang lagert der Kabeljau tiefgefroren im Kühlraum. "Die Qualität ist ausgezeichnet", sagt Tverborgvik, der Kontrolleur, "man sieht es an der Haut und daran, dass der Fisch vor dem Frosten noch nicht steif ist."

Fischerei ist ein globales Geschäft

Die norwegische Küstenwache bei der Kontrolle des Trawlers "Tønsnes" © Helmut Steuer

Bevor er beim Konsumenten landet, hat der Kabeljau allerdings noch eine Weltreise vor sich. Von der Tønsnes geht es zunächst in einen norwegischen Hafen und dann weiter nach China. Dort wird der Kabeljau von billigen Arbeitskräften kurz aufgetaut, filetiert, wieder eingefroren und zurück auf die europäischen Märkte transportiert. Die Fischerei ist ein globales Geschäft, der Wert aller Fischexporte übertrifft 150 Milliarden US-Dollar im Jahr, mehr als die Hälfte davon erwirtschaften Entwicklungsländer.

"Die Fischerei hat entscheidende Bedeutung für das Ziel einer Welt ohne Hunger und Mangelernährung" – mit diesen Worten des FAO-Generalsekretärs José Graziano da Silva beginnt der Report zum Zustand der globalen Fischerei vom vergangenen Jahr. Tatsächlich ist Fisch mit seinem hohen Protein- und geringen Fettanteil ein besonders gesundes Lebensmittel. Um ihrer Rolle in der Welternährung gerecht werden zu können, müsste die Fischerei ihre Ressourcen jedoch nachhaltig nutzen, dürfte von jeder Art also nur so viel fangen, dass ihr Bestand auf Dauer stabil bliebe. Müsste, dürfte – doch weltweit geht der Trend in die Gegenrichtung, das zeigt der FAO-Report. War vor 30 Jahren erst ein Fünftel aller Bestände überfischt, ist es inzwischen bereits ein Drittel.

Mit fast fünf Millionen Booten und Schiffen werden jedes Jahr rund 80 Millionen Tonnen aus den Weltmeeren gefischt. Diese Zahl ist seit 30 Jahren weitgehend stabil und wird sich nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO auch in den nächsten 20 Jahren kaum verändern. Einen starken Anstieg gibt es dagegen bei Fisch aus Aquakulturen. Deren Jahresproduktion übertrifft mit 90 Millionen Tonnen bereits die Menge des Wildfangs aus dem Meer. Insgesamt ist die Fischproduktion in den letzten 50 Jahren doppelt so schnell gewachsen wie die Weltbevölkerung, über 20 Kilogramm Fisch isst jeder Mensch im Durchschnitt jährlich, fast ein Pfund pro Woche.

Dass bereits ein Drittel der Bestände als "überfischt" gelten, bedeutet im Jargon der Fachleute, dass daraus zu viel gefangen wird – so viel, dass die Fangmenge rasch unter jenes Niveau sinkt, das man dauerhaft mit nachhaltiger Praxis erzielen könnte. Werden solche bedrohten Bestände zu lange überfischt, brechen sie zusammen. Für ihre Berechnungen wertet die FAO Zahlen aus 16 Hauptfanggebieten rund um den Globus aus. Nirgendwo ist die Lage schlimmer als im Mittelmeer und im Schwarzen Meer; dort sind rund zwei Drittel aller Bestände überfischt. Mangelnde Regulierung und vor allem mangelnde Kontrolle lassen illegaler Fischerei viel zu viel Spielraum.

Im Nordostatlantik hingegen ist die Lage besser, nur rund ein Viertel der Bestände gilt dort noch als überfischt, vor allem Makrele und Stint. Kabeljau gehört nach Ansicht der FAO nicht mehr dazu. "Norwegen ist hart im Durchgreifen und verhängt hohe Strafen", sagt der Fischerei-Experte Alexander Kempf. Im Bremerhavener Thünen-Institut für Seefischerei ist er an der jährlichen Festlegung der europäischen Fangquoten beteiligt. Er hält das Management der Barentssee-Fischerei, wie Norweger und Russen es betreiben, für ein Erfolgsmodell.

Zustimmung kommt von mehreren Umweltorganisationen, nicht nur von Greenpeace. "Der arktische Bestand des Atlantischen Kabeljaus in der Nordostarktis und der Norwegischen See ist in einem sehr guten Zustand", heißt es im Fischratgeber des WWF. Mit solch unabhängigen Einschätzungen fällt es leichter, dem Augenschein vor Ort zu trauen. Schließlich könnte der kontrollierte Trawler Tønsnes ja auch bloß eine löbliche Ausnahme sein – und die von den Kontrolleuren zur Schau gestellte Rigorosität ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch der Eindruck von der Überprüfung des Fangschiffs deckt sich mit dem Urteil der Fachleute.

Dass sich der Bestand in der Barentssee rasch erholen konnte, hat auch einen biologischen Grund. Obwohl sich der Kabeljau in eiskalten arktischen Gewässern bei Temperaturen nur knapp über null Grad fortpflanzen muss, gehört er zu den produktivsten Fischarten. Jedes Weibchen kann bis zu fünf Millionen Eier ablaichen.

Der Klimawandel gefährdet den Kabeljau

Der Klimawandel hat ebenfalls mitgeholfen. "Wir hatten eine Periode mit relativ warmem Wasser. Es sieht so aus, als wenn das dem Kabeljaubestand ziemlich gutgetan hätte", sagt der Biologe Tore Haug. Er ist Mitglied jener norwegisch-russischen Kommission, die seit dem Ende des Kalten Kriegs die Fangquoten für die Barentssee festlegt.

Schreitet der Klimawandel voran, könnte es mit dem arktischen Fischreichtum allerdings bald schon wieder vorbei sein. Denn mit der Meereserwärmung ziehen die Kabeljauschwärme immer weiter nach Norden, inzwischen sind die Trawler sogar im Winter vor Spitzbergen unterwegs – über tausend Kilometer nördlich des Nordkaps. Noch weiter nach Norden kann der Kabeljau allerdings nicht mehr ausweichen – und das liegt nicht am polaren Packeis. "Die Barentssee ist ein Schelfmeer", erklärt Tore Haug, "nur bis zu 400 Meter tief – und damit perfekt für den Kabeljau." Schon wenige Meilen nördlich von Spitzbergen beginnt das Polarmeer, und das ist bis zu 4000 Meter tief. "Unmöglich, dass der Kabeljau damit zurechtkommt."

Futter könnten die Fische wohl unter der polaren Eisdecke finden, zum Laichen brauchen sie aber flacheres Wasser. Dazu kommt die Versauerung des Ozeans bei weiter steigender Kohlendioxid-Zufuhr aus der Luft. "Damit wird der Kabeljau künftig doppelt gestresst: Sein Lebensraum wird wärmer und saurer zugleich", sagt der Meeresökologe Flemming Dahlke. Zusammen mit seiner Kollegin Daniela Storch hat er die künftigen Lebensbedingungen in Experimenten am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut untersucht. Als besonders empfindlich erwiesen sich dabei die nur wenige Millimeter kleinen Kabeljaularven kurz nach dem Schlüpfen. Positiv kann Storch ihre Erkenntnisse nur unter einer sehr voraussetzungsreichen Bedingung zusammenfassen: "Bei Erreichen der Klimaziele von 1,5 Grad können wichtige Laichgebiete erhalten bleiben."

Den Klimawandel bekämpfen, nachhaltige Fangquoten festlegen und dann auch durchsetzen – mit diesem Erfolgsrezept können die Fische im Ozean auch für künftige Generationen eine wichtige Proteinquelle bleiben. Arme, fragile Staaten in Asien und Afrika jedoch sind dazu kaum in der Lage; die Aufgabe müssen vor allem reiche Industrienationen übernehmen. Norwegen gehört – dank seiner enormen Öl- und Gasvorkommen – zu den reichsten Ländern und kann sich ein ausgeklügeltes Überwachungssystem der Fischereiflotten in seinen Gewässern leisten.

Dazu gehört die genaue Dokumentation und mehrfache Kontrolle der Fangmengen. Auf der Brücke der Tønsnes prüft Dag Martin Tverborgvik, der Fischereiinspektor in Diensten der norwegischen Küstenwache, ob Kapitän Bendiksen korrekte Meldungen abgegeben hat. Dafür vergleicht er die Zahlen in den ausgedruckten Papieren mit den Mengen, die er unter Deck im Kühlraum gesehen hat. Wenn die Kühlcontainer später an Land kommen, werden sie erneut kontrolliert. Überraschungen gibt es dabei nur noch selten. Denn alle Trawler aus Norwegen und den EU-Ländern übermitteln ihre Fangmengen bereits vorab tagesaktuell über eine Satellitenverbindung ins Internet. Auch die meisten russischen Trawler sind bereits mit dem elektronischen Meldesystem ausgestattet. "Noch arbeiten sie mit einem Papier-Logbuch, aber bald werden sie die Daten online übermitteln", sagt Tverborgvik.

Rund eine Stunde hat die Kontrolle auf dem Trawler gedauert. Ihre Fangfahrt durch die Barentssee musste die Tønsnes dafür nicht unterbrechen. Beanstandungen hat Tverborgvik diesmal nicht. Er schwingt sich über die Reling auf die wacklige Jakobsleiter, klettert sie außenbords hinab und springt auf das Schnellboot, das ihn zurückbringt zum Schiff der Küstenwache.