Ich bin nun seit fünf Jahren Katholik. Der Weg dahin war lang. Als Jugendlicher hegte ich die Sehnsucht nach einem Aufgehobensein im mythischen Mutterschoß des Glaubens, hoffte auf eine Kirche mit väterlicher Autorität, die nicht nur angemaßte Behauptung eines Familientyrannen wäre, sah in der Ästhetik der religiösen Kunst einen Gegenentwurf zum bleiernen Grau der späten DDR und zur grellen Buntheit der Nachwendezeit. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben wurde durchaus initiiert durch die Beschäftigung mit Kunst, dann mit Philosophie und Theologie. Doch weder das Evangelium des Schönen eines Raffael oder eines Michelangelo noch die Begegnung mit höherem Klerus brachten mich meiner Sehnsucht endgültig näher.

Es war die Begegnung mit charismatischen Menschen, deren Vorbild, aufrüttelnde Gespräche – besonders mit einem jungen Jesuitenpater, Clemens Blattert, und einer alten Nonne. Ich hielt, als ich gebeten wurde, ihr Porträt zu malen, diese Maria Assumpta Schenkl OCist, seinerzeit Priorin des Klosters zu Helfta, für das Urbild christlicher Demut und weiblicher Dienstbarkeit für die Kirche. Das stimmte gewiss auch, doch reduzierte ich sie allein dadurch auf mein Klischee, wie eine Nonne zu sein habe.

Während der Porträtsitzungen lernte ich eine durchsetzungsstarke Frau kennen, die nach ihrer Resignation als Äbtissin des Klosters Seligenthal mit Mitte siebzig das während der Reformation geschleifte Kloster Helfta wiedergründete, in dem die mittelalterliche Mystikerin Mechthild von Helfta gewirkt hatte, mit der sich wiederum Mutter Assumpta als Intellektuelle intensiv beschäftigte. Auch erzählte sie mir von ihren eigenen Glaubenserfahrungen und -zweifeln, von Lebenskrisen als junger Frau, die sie an den Rand des Abgrunds führten. Die Begegnung mit ihr sollte für mich wichtiger werden als manches Treffen mit hohen männlichen Würdenträgern der Kirche.

Zehn Jahre nach der ersten Begegnung mit dieser eindrucksvollen Frau wurde ich getauft. Ich fand mich in einer Kirche wieder, die bis heute durch den Missbrauchsskandal zutiefst erschüttert wird und deren Traditionen als Teil des Problems in der Kritik stehen. Nun neigt möglicherweise der Konvertit oder Proselyt dazu, seinen neuen Glauben besonders streng zu leben, den gerade erst eingeübten Riten sehr genau zu folgen, den entstehenden Familienbund durch blinden Gehorsam zu befestigen. Und welche Forderungen höre ich nun? Frauenordination, Aufgabe des Zölibats für Priester, gemeinsames Abendmahl und was noch alles?

Doch ist nicht ein von außen Kommender auch oft freier, Probleme, die sich schleichend verfestigt haben, zu erkennen? Sollte nicht jede Frage immer erlaubt sein? Ich erinnerte mich der Maria Assumpta Schenkl, die sich in ihrer Amtszeit für die Gleichstellung der Äbtissinnen mit den Äbten des Zisterzienserordens einsetzte und die es im Jahr 2000 erreichte, dass die Äbtissinnen gleichberechtigt neben ihren männlichen Amtskollegen am Generalkapitel in Rom teilnehmen durften.

In meiner eigenen künstlerischen Arbeit untersuche ich immer wieder mit Neugier, Staunen und Skepsis mein Verhältnis zur Tradition. Da stand ich oft auf dem sicheren Boden einer vertrauten Heimat oder konnte feststellen, wie das Vergangene, wenn es vergessen schien, bei seiner Wiederentdeckung in völlig neue Verhältnisse zur Gegenwart treten und kraftvoll jugendfrisch überraschen kann. Da aber, wo Tradition in hohlen Formen ohne Inhalt und leblosen Riten ohne Herz und Geist erstarrt, muss man sie fahren lassen.

Wir sollten keine Angst vor dem Verlust von Traditionen haben, wenn die Zukunft auf dem Spiel steht.

Zuweilen werde ich gefragt, ob ich denn bei all den momentanen Problemen der katholischen Kirche nicht einen Austritt erwägen müsste. Nun, es handelt sich für mich nicht um eine Vereinsmitgliedschaft! Vor allem aber verstehe ich jeden Katholiken, jeden Christen, ob Kleriker oder Laie, Mann oder Frau als Teil einer Kirche, zu deren Gestaltung er beitragen kann und muss! Wie bei einer Familie mit Problemen heißt es da, sich nicht abzuwenden, sondern die Missstände gemeinsam anzugehen und Veränderungen herbeizuführen.