Als ich zum ersten Mal einen Captcha-Test machte – das muss so im Jahr 2007 gewesen sein, ich war in meinen Dreißigern, hatte kein WLAN, zum Surfen ging ich ins Internetcafé –, fand ich die Abfrage grotesk. "Ich bin kein Roboter." Natürlich nicht. Ich begriff nicht, warum ich Google erst noch davon überzeugen sollte. Inzwischen habe ich ein Smartphone mit Flatrate und vielen Apps. Und ich bin mir meiner Überlegenheit nicht mehr so sicher. Maschinen tun Dinge, die man ihnen bis vor Kurzem kaum zugetraut hätte. Sie können zentimetergenau einparken, sie übersetzen Hebräisch in Echtzeit, sie komponieren Klavierwerke im Stil von Johann Sebastian Bach. Lauter Fähigkeiten, die ich auch gerne hätte. Und was tue ich? Immer weniger. Leider.

Manche Leute glauben, dass der Mensch schon zurechtkommen wird. Er wird sich die Technologie zunutze machen, so wie er sich den Buchdruck zunutze gemacht hat. Er konzentriert sich auf die schönen Dinge und überlässt alles andere den Maschinen, er bleibt die Krone der Schöpfung. Aber es gibt noch eine zweite Theorie. Sie besagt, dass wir mit der künstlichen Intelligenz eine Technologie geschaffen haben, die uns bald ablösen wird. Und das erscheint mir plausibler. Denn die ersten Anzeichen sehe ich schon jetzt. Nicht in der technischen Entwicklung (die kann ich nicht beurteilen), sondern in meiner eigenen (da habe ich mehr Kompetenz). Ich bin fauler, nervöser und zerstreuter, ich habe weniger Vertrauen in meinen Orientierungssinn, in mein Gedächtnis, in meine Intelligenz. Und ich kann das nicht alles aufs Alter schieben, ich bin noch nicht mal fünfzig.

Ist es denn möglich, dass ich mich jetzt schon auf eine Zukunft einstelle, in der viele meiner Fähigkeiten als Mensch nicht mehr benötigt werden? Dass ich also beginne, mich, wie in vorauseilendem Gehorsam, auszublenden und selbst abzuschaffen?

Als ich jünger war, hatte ich Hobbys. Ich liebte Wettkämpfe, ich trieb viel Sport. Ein paar Jahre lang habe ich nichts anderes getan, als Schach zu spielen. Ein- oder zweimal habe ich einen Mann besiegt, der gegen Garri Kasparow in einer Simultanpartie Remis gespielt hat. Darauf war ich stolz. Aber gegen den Supercomputer Deep Blue verlor Kasparow am Ende. Und das ist mehr als zwanzig Jahre her. Heute kennen Computer nicht bloß alle Partien, die sämtliche Großmeister je bestritten haben, sondern spielen unentwegt gegen sich selbst, bloß um aus den eigenen Fehlern immer weiter zu lernen. Das ist eine Leistung, die man beeindruckend finden kann. Oder man ärgert sich über die maschinellen Streber, die ihr Ziel dermaßen grotesk übererfüllen, dass kein normaler Mensch mehr Spaß daran hat.

Und die Maschinen spielen nicht bloß Schach, sondern auch Go und Jeopardy!. Zuletzt haben sie eine virtuelle Version von Capture the Flag gemeistert, das habe ich auf nytimes.com gelesen. Capture the Flag ist ein Geländespiel, in dem zwei Teams versuchen, dem jeweils anderen die Fahne zu klauen. Die New York Times schrieb, dass Forscher damit die Teamfähigkeit von Maschinen verbessern wollen. Capture the Flag soll Maschinen in die Lage versetzen, mit anderen Maschinen zu harmonieren. In den Logistikzentren von Amazon etwa. Ich hatte beim Lesen aber ein ganz anderes Bild vor Augen. Eine sattgrüne Hügellandschaft. Im Wind flatternde Fahnen. Und ich dachte: Verdammt, die Maschinen spielen Capture the Flag, als gäbe es kein Morgen, während ich wie ein Zombie vor dem Bildschirm sitze. Sollte es nicht genau umgekehrt sein?

Aber gut, es gibt noch ein paar Dinge mehr, die mich als Menschen auszeichnen. Als mein Großvater damals sah, dass ich ständig Schach spielte, meinte er, ich solle nicht zu viel Energie darauf verwenden. Besser sei es, umfassend zu lesen, weil ein breites Wissen der Charakterbildung diene. Also habe ich Bücher über Musik, Geschichte und Ökonomie gelesen. Immer auch in der Hoffnung, dass mich das Lesen zu einer kompletteren Persönlichkeit macht. Seit ein paar Jahren jedoch lege ich die Zeitung oft weg, ich lasse das Buch sinken, ich kann mich, wie gesagt, nicht mehr konzentrieren. Das liegt nicht bloß am ewigen Surfen und WhatsApp-Nachrichten-Checken, sondern auch an einer grundlegenderen Unlust. Ich habe den Glauben an das Bildungsversprechen verloren. Lohnt es überhaupt noch, Wissen langwierig zu erarbeiten, wenn die Informationen jederzeit abrufbar sind?

Elon Musk, Tesla-Chef und Raumfahrtunternehmer, sagt, wir seien heute schon Cyborgs, weil wir die Technologie als Gehirnerweiterung benutzen. Das stimmt. Wie oft zücken Bekannte mitten im Gespräch ihr iPhone, um einen zur Diskussion stehenden Sachverhalt nachzuschlagen, den ersten deutschen Literaturnobelpreisträger oder ob man aus Wölfen Chihuahuas züchten kann. So süchtig sind sie nach dem Gerät, dass es wirkt, als lenkten sie das Gespräch absichtlich auf irgendein Wissensgebiet, bloß um endlich wieder auf das ausgelagerte Gehirn zugreifen zu können.

Ist es möglich, dass ich mich schon auf eine Zukunft einstelle, in der viele meiner Fähigkeiten als Mensch nicht mehr benötigt werden?

Musk sieht einen Menschen voraus, der seine kognitiven Fähigkeiten beliebig steigert, indem er mit Maschinen verschmilzt. Zum Beispiel mit der Bibliothek von Google, die mehr als 25 Millionen Bücher enthält. Manche Visionäre glauben sogar, dass so ein Wissen zwangsläufig zu einem höheren Bewusstsein mutieren wird. Einer Superintelligenz, der die Erde rasch zu klein wird, weshalb sie, durch Wurmlöcher schlüpfend, den Weltraum kolonisiert. Das übersteigt, ehrlich gesagt, meine Vorstellungskraft. Aber ich merke doch, dass die eigene Bücherwand, deren Anblick mich früher glücklich gemacht hat, plötzlich unbedeutend wirkt. Überflüssig. So archaisch wie Höhlenmalerei. Auf der Straße sehe ich jetzt oft Kartons stehen. Romane, die Literaturpreise gewonnen haben. Gesamtausgaben. Zu verschenken, steht auf den Kartons. Das Lesen hat seinen Zauber verloren.