Juli 1969, Millionen Menschen sitzen vor Flimmerkisten und Neil Armstrong hüpft auf den Mond. Wie groß war dieser Schritt für die Wissenschaft? Und müssen Menschen da wieder hin? Reisen Sie mit uns in die Geschichte und Zukunft in unserem Schwerpunkt "Zum Mond und zurück".

Wenige Minuten vor der Mondlandung am 20. Juli 1969 scheint es, als sei die Mission Apollo 11 zum Scheitern verurteilt: Der Bordcomputer in der Mondlandefähre meldet "1202 alarm". Innerhalb von Sekunden stellen die Ingenieure im Kontrollzentrum auf der Erde fest, dass es sich nur um eine harmlose Fehlermeldung handelt. Der Computer ist überlastet – ein Radarsystem ist fälschlicherweise aktiviert worden –, doch dank der Software konzentriert er seine Rechenkapazitäten auf seine eigentliche Aufgabe: die Steuerung des Mondlandemoduls. "Go", nicht Abbruch, lautet deshalb der Befehl an Buzz Aldrin und Neil Armstrong. Die Software rettet die Mission. Entwickelt hat sie Margaret Hamilton am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, zusammen mit dem Team von 100 Programmierern, das sie leitet.

Software-Entwicklung war damals noch nicht der Prestigejob, der er in den Achtzigerjahren geworden ist. Hamilton erfand deshalb den Begriff software engineering, um der Tätigkeit Gewicht zu verleihen. Hamilton ist auch nicht die erste und bei Weitem nicht die einzige junge Mathematikerin, die in jener Domäne Geschichte schrieb, mit der oft Männer wie Konrad Zuse, Alan Turing, John von Neumann und später Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg assoziiert werden. Einhergehend mit der Vorstellung: Frauen und Naturwissenschaft und Technik, das passe ohnehin nicht sonderlich gut zusammen.

Angefangen hat die Geschichte der weiblichen Computer-Pioniere zu einer Zeit, als computer noch eine Berufsbezeichnung für Menschen ist, die Berechnungen per Hand ausführen. Einst ein Privileg weniger Gebildeter, lernen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr Menschen, anspruchsvoll mit Ziffern zu rechnen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Personal, um Rechenoperationen für die Buchführung in Handel, Banken und Industrie, in der staatlichen Verwaltung, beim Militär und in wissenschaftlichen Laboratorien zu erledigen.

Arbeitsteilig und rationell organisiert, wie die Fließbandfertigung in den neuen Fabriken, können die menschlichen Rechner im Kollektiv immer komplexer werdende Aufgaben bewältigen: Sie ermitteln die Flugbahnen für Geschosse, verwalten Hunderttausende Versicherungspolicen und Bankkonten oder koordinieren die Fahrpläne der Eisenbahn. Geradezu gefräßig verlangt diese Entwicklung, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der massenhaften Verbreitung mechanischer Rechenmaschinen nochmals beschleunigt, nach immer mehr mathematisch geschultem Büropersonal. Wie auch bei anderen Bürotätigkeiten wird dieses Personal immer häufiger von Frauen gestellt – und aus dem Rechner wird nach und nach eine Rechnerin.

Der US-Wissenschaftshistoriker David Alan Grier schreibt in seinem Buch When Computers Were Human (2005), in den USA hätten diejenigen den Beruf gewählt, die zwar über einen College-Abschluss in Mathematik, aber weder über das notwendige Geld noch über die gesellschaftlichen Verbindungen verfügten, um wirklich Karriere zu machen. Oft waren es Juden und irische Einwanderer, Afroamerikaner, aber auch Körperbehinderte, mit Anbruch der Vierzigerjahre dann überwiegend Frauen.

Eine von ihnen ist Katherine Johnson, die im Sommer 1953 beim Langley Research Center der US-Raumfahrtbehörde in Hampton im Bundesstaat Virginia anfängt. Mit mehreren Hundert meist weiblichen computers sitzt sie in drei Schichten an sechs Tagen in der Woche an mechanischen Rechenmaschinen und liefert die Berechnungen für die Aerodynamik-Experimente der Ingenieure im Windkanal.

Weil gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Millionen Soldaten im Krieg kämpfen und als Arbeitskräfte fehlen, wirbt die Forschungseinrichtung für die Luftfahrt seit 1943 gezielt Frauen an, insbesondere auch afroamerikanische Mathematikerinnen. Strikt separiert von der computers-Gruppe der weißen Frauen, arbeiten sie in einem Neubau auf dem westlichen Teil des Geländes. "Wir bekamen riesige Datenbögen mit vielleicht 15 oder 20 Spalten und 25 Zeilen. Du hast deine Variable eingesetzt und musstest dann die Gleichungen durchrechnen, das dauert mehrere Tage", so beschreibt Johnson die mühselige Arbeit. Talentiert, ernsthaft und mutig, wie sie ist, steigt Johnson in die Space Task Group der Nasa auf und berechnet die Flugbahn für die Raumkapsel, mit der 1961 der erste amerikanische Astronaut in den Weltraum geschossen wird. Im Jahr zuvor schreibt sie den ersten Nasa-Forschungsbericht, unter dem der Name einer schwarzen Frau steht.

Ihre Geschichte, die das Buch Hidden Figures und der gleichnamige Hollywood-Film nacherzählen, ist typisch für die USA der Vierziger- und Fünfzigerjahre: Junge, mathematisch gebildete Frauen aus der Provinz bewerben sich auf eine Zeitungsannonce hin und arbeiten als computer, eine attraktive Alternative, wenn sie nicht, wie ihre Mütter und Tanten, Lehrerin werden wollen. Der Zweite Weltkrieg und später das Space Race, der Wettlauf der USA mit der Sowjetunion um den technologischen Vorsprung im All, halten die Nachfrage hoch. Die Rechnerinnen werden für kriegswichtige Tätigkeiten gebraucht. So wie Jean Bartik und einige Kolleginnen: Ursprünglich von einem ballistischen Forschungslabor angeheuert, um Flugbahnen für Geschosse zu berechnen, arbeiten sie schließlich an der frühen Computerentwicklung mit. Sie werden als die ersten Programmiererinnen in die Computergeschichte eingehen.

Die Software-Entwicklerinnen bleiben im Hintergrund und werden erst spät geehrt

Jean Bartik bewirbt sich 1945 als Rechnerin am Ballistic Research Laboratory der US-Armee in Aberdeen im Bundestaat Maryland. Als Hilfskraft der Kategorie S.P. 6 – die Großbuchstaben stehen für sub-professional – erhält sie ein Jahresgehalt von 2000 Dollar, etwa doppelt so viel, wie Frauen in den USA damals durchschnittlich verdienen, aber deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. "Die Männer wurden als 'professionell' eingestuft, den Frauen verweigerte man das", erinnert sich Bartik Jahrzehnte danach.

Als das Militär wenige Monate später operators für eine neue Maschine sucht, bewirbt sie sich erneut. Die Maschine, für deren Betrieb neben Bartik fünf weitere Frauen aus dem Pool der Rechnerinnen ausgewählt werden, ist nicht irgendeine. Es ist der Electronic Numerical Integrator and Computer, kurz Eniac, der erste programmierbare elektronische Digitalrechner der Welt. Mit seinen 40 Recheneinheiten füllt er einen 150 Quadratmeter großen Kellerraum der University of Pennsylvania in Philadelphia.