Unter ihm spiegelt sich das Objekt der Begierde: Caravaggios "Narziss", um 1597 gemalt © Caravaggio "Narziss", Foto: Mauro Coen Gallerie Nazionali di Arte Antica, Rom

Selbstverliebt sieht er ja nicht aus, dieser Narziss, sondern doch recht unglücklich beim Anblick seines Spiegelbilds im Wasser. Aber so steht es schon beim römischen Dichter Ovid in dessen berühmten Metamorphosen: Weil sein eigenes Gesicht unerreichbar für Narziss blieb, ihm immer wieder unter seinen begehrlichen Fingern und Lippen zerrann, blieb ihm nur das unerfüllte Betrachten. Starke Gefühle waren stets ein Fall für Caravaggio; sein Narziss, den der Endzwanziger um 1597 malte, ist denn auch kein eitler ätherischer Schönling, sondern ein an sich selbst leidender Mann – mein Ich, das ewig ferne Wesen. Dafür vibriert der über sein Objekt der Begierde gebeugte Körper im weiß leuchtenden Hemd, alles an ihm will, Hände, Arme und sogar mittendrin ein knackiges Knie.

Caravaggios berühmter, vieldeutiger Narziss ist jetzt für einen Sommer aus Rom nach Potsdam gekommen, nach Preußisch Arkadien also, zusammen mit über 50 anderen Werken. Sie stammen aus dem Palazzo Barberini und der Galleria Corsini, den italienischen Nationalgalerien mit ihren spektakulären Sammlungen. Präsentiert wird die römische Auswahl am idealen Ort: im Museum Barberini, das der SAP-Milliardär Hasso Plattner 2016 im Gewand jenes 1945 zerstörten Palais Barberini am Alten Markt wiedererrichten ließ, das wiederum Friedrich der Große 1771/72 hatte erbauen lassen – und zwar nach dem Vorbild des Palazzo Barberini in Rom. Original und Kopie, Nachahmung und Neuverwandlung kreuzen sich hier in Potsdams heftig diskutierter architektonischer Mitte in wilder Mischung, über die Jahrhunderte hinweg. Das Publikum kommt heute übrigens in Scharen: Kürzlich konnte das Museum nach nur zweieinhalb Jahren bereits den 1.000.000. Besucher begrüßen.

Wege des Barock heißt die erste Altmeister-Schau des jungen Hauses und führt mit den römischen Leihgaben eindrucksvoll die visuelle Explosion vor, die nach 1600 in der Ewigen Stadt begann. Dort war der Palazzo Barberini tatsächlich ein zentraler Schauplatz: Der kunstbesessene, sammelwütige, gelehrte und repräsentationsfreudige Kardinal Maffeo Barberini, der 1623 zu Papst Urban VIII. gewählt wurde, baute während seines langen Pontifikats bis 1644 die Stadt zur glänzenden Metropole um, weihte den Petersdom, machte den Bildhauer und Architekten Gian Lorenzo Bernini zum unangefochtenen Künstlerstar der Epoche und ließ diesen auch seinen Palazzo Barberini vollenden. Ein ungemein freies, sympathisch nahbares, leuchtend rotes Porträt seines Auftraggebers von Bernini repräsentiert in der Ausstellung beider besondere Beziehung.

Gleich zu Beginn der Schau überwältigt ein Werk, das hier nur als Illumination an die Saaldecke geworfen werden kann: Pietro da Cortonas gigantisches Deckenfresko Triumph der göttlichen Vorsehung aus dem Festsaal im Palazzo Barberini, jene atemberaubende Verherrlichung der Papstsippe – und Feier des neuen, überbordend üppigen Barockstils. Auf vielen Bildern begegnet man dieser eigentümlichen Mischung aus sendungsbewusster Religiosität in irdisch-sinnlicher Erscheinung: Selten hat Maria Magdalena so verführerisch gebüßt wie auf Simon Vouets Bild 1626/27. Und dass die Musik durch die Liebe befeuert wird, zeigt die halb nackte Venus, die bei Giovanni Lanfranco die Harfe spielt. Zugleich kann man auf vielen Bildern einen Realismus bewundern, den erst das 19. Jahrhundert wieder hervorbringen sollte: Der heilige Hieronymus ist bei Leonello Spada ein alter, aber kraftvoller, bis in die letzte Faser weise in sich ruhender, erstaunlich lebensecht erfasster Intellektueller. Die Ausstrahlung des neuen römischen Glanzes war enorm, was hier am Beispiel der Caravaggisten in Neapel sowie in Frankreich und den Niederlanden gezeigt wird: Die typischen Hell-dunkel-Szenerien wollten emotional bewegen, den Betrachter unmittelbar ansprechen – ob mit Heiligen oder Fischverkäufern, Wahrsagerinnen oder Jusepe de Riberas Venus und der sterbende Adonis, das den Geliebten schrecklich todbleich präsentiert.

Am Ende der Schau gibt es eine ganz besondere römisch-preußische Überraschung: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kann man zwei Gemälde von Artemisia Gentileschi (1593–1653) betrachten, der bedeutendsten Malerin jener Epoche. Friedrich der Große hatte Bathseba im Bade und Lukretia und Sextus Tarquinius 1769 für sein gerade errichtetes, selbstbewusst dimensioniertes Neues Palais im Park Sanssouci erworben – allerdings ohne zu wissen, dass sie von einer Frau stammten; das klärte erst die moderne Forschung. Dort bildeten die Gemälde in der Oberen Galerie mit vier weiteren von Luca Giordano und Guido Reni einen barocken Mahnreigen für Friedrichs Neffen und Thronfolger Friedrich Wilhelm, sich als künftiger Herrscher vor triebhaften Lastern zu hüten. Seit Langem ist jedoch der Raum wegen eines brüchigen Fußbodens gesperrt – ideale Gelegenheit also, die beiden Bilder der Meisterin in das Museum Barberini herüberzuholen und so wenigstens für kurze Zeit sichtbar zu machen, zumal im Zusammenspiel mit den Gemälden aus Rom. Dabei ergab die Restaurierung von Lukretia und Sextus Tarquinius, seit der Antike beliebter dramatischer Stoff aus der Vergewaltigung der verheirateten Lukretia durch den Königssohn Tarquinius, eine kleine Sensation: Gentileschi, die einst selbst von ihrem angesehenen Lehrmeister Agostino Tassi vergewaltigt worden war, hatte in dieser Variante des Sujets den dolchbewehrten Täter mit einem hingebungsvoll begehrenden statt des gängigen brutalen Antlitzes dargestellt. Im 18. Jahrhundert fand man das offenbar derart verstörend, dass sein Gesicht übermalt und mit schicklich finsterem Ausdruck versehen wurde. Barock: Das war überschwängliche Fülle, dynamisch-zügellose Expressivität, aber auch eine neue, subtile Freiheit im Ausdruck – für eine Kunst, die Grenzen zu überschreiten wagte.

Museum Barberini, Potsdam, bis 6. Oktober. Der Katalog kostet in der Ausstellung 29,95 Euro.