Kam Christo jetzt auch bis Worms? Wollte er den romanischen Kaiserdom neu einkleiden – und hat auf halber Strecke aufgegeben? Das Setting für Thomas Melles Stück Überwältigung sieht ganz danach aus. Die Bühnenbildnerin Anne Ehrlich jedenfalls hat die Freifläche vor dem Wormser Dom mit weißen Tüchern abgedeckt und in eine Art arktische Gebirgslandschaft verwandelt. Dem Zuschauer wird freundlich suggeriert: Schon bei den Nibelungen schmolzen Polkappen und Gletscher; die Klimakatastrophe hat Siegfried und Kriemhild (und die aus Island stammende Brünhild) längst eingeholt.

Eine weitere Katastrophe folgt auf dem Fuß: Im Eis stehen düstere, schwarz gewandete Nazi-Burgunden und donnern in gebundener Rede, sie seien "ein Heer aus dem Nichts", bereit zum "Höllenritt". Auch Kriemhild scheint gut vorbereitet, wir befinden uns an Etzels Hof: "Die schwersten Weine sind gekeltert, Haxen knistern fett / Nun legt euch bald zu Tausenden in euer letztes Bett". Aber obwohl die Haxen fett knistern und sich auf Bett reimen, spielt einer nicht mit: der Knabe Ortlieb, Kriemhilds und Etzels Sohn, der nun von Hagen gemeuchelt werden müsste – Ortlieb aber will nicht sterben. Als Master of Ceremonies tritt er vielmehr an, die mordenden Burgunder zu zivilisieren. Das Nibelungenlied müsse noch einmal gespielt werden, sagt er, menschenfreundlicher und mit anderem Ausgang: alles zurück auf null und von vorn.

Im Prinzip verfolgt der Dramatiker Thomas Melle hier eine gute Idee. Lässt sich die Zwangsläufigkeit von Geschichte durchbrechen, die Nibelungentreue ersetzen durch Intelligenz, die Gewalttat durch Verständigung? Das Problem dabei ist nicht nur, dass Melle sich von seinem Assoziationsreichtum ständig hinreißen lässt zu Pathos und schiefen Metaphern; ein Problem ist auch, dass Ortlieb in Worms einen Schlafanzug trägt und offenbar das Spiel- und Kinderzimmer noch nicht verlassen hat. Greta Thunberg winkt uns in Gestalt der Schauspielerin Lisa Hrdina freundlich zu, und die leicht verregnete Premiere fand natürlich an einem Friday statt.

Das Publikum war zwar eher gekommen, um den Star des Abends zu sehen, den Schauspieler Klaus Maria Brandauer, auch politisch wohlfeile Belehrungen aber nahm es gern in Kauf. Worms konkurriert seit Jahren mit Salzburg und Bayreuth um das größte Promi-Aufgebot auf dem roten Teppich. Auch in diesem Jahr ließen sich Eins-b-Politprominenz (Julia Klöckner, Jens Spahn) und die Eins-a-Medienriege (Elke Heidenreich, Frank Plasberg) nicht lange bitten, garniert von den etwas unauffälligeren Industriekapitänen und Müttern Beimer. Speisen und Getränke im romantischen Heylshof hinter dem Dom sind auch im Nieselregen noch ein gesellschaftliches Ereignis. Nannte Joschka Fischer einst den Bundestag die größte Alkoholikerversammlung Deutschlands, so ist das Wormser Publikum schon zu Vorstellungsbeginn rechtschaffen angetüdelt. Leicht beschwipst lässt sich manch theatrale Großtat sicher leichter ertragen.

Hauptdarsteller der Nibelungen-Festspiele ist der romanische Kaiserdom, den man – trotz bisweilen störender Schauspielelemente – im Abendlicht gern meditativ betrachtet. Thomas Melle hat diese Rahmenbedingungen leider zu wenig beachtet: Er dichtet full speed drauflos, als wolle er Friedrich Hebbel und Richard Wagner gleichzeitig überholen (übrigens eine Krankheit, unter der auch andere Nibelungen-Autoren der vergangenen Festspieljahre litten). In den harten akustischen Gegebenheiten des Freilufttheaters verpufft Melles gewöhnungsbedürftiger Sprachwirbel. Im Publikum rascheln die Regencapes, und auf der Bühne zappelt ein alberner mittelalterlicher "Spielmann", der uns noch einmal neu durch die Nibelungensage führt. In geschlossenen Räumen wäre all dies vielleicht wirkungsvoller.