Der alte Mann war nicht bis zum Ende geblieben. Nach den Plädoyers des Staatsanwalts, des Verteidigers und dem letzten Wort des Angeklagten, in dem dieser sich entschuldigt hatte, war er aufgestanden, nach Hause gegangen und zur Urteilsverkündung nicht wiedergekommen. Der alte Mann war sich gewiss, das Urteil zu kennen. Seit 19 Jahren verbringt er beinahe jeden Vormittag in diesem Gerichtssaal. Fast immer bleibt er der einzige Besucher. Stets sitzt er in der letzten Reihe, gleich neben der Tür, von wo er jederzeit gehen kann, ohne zu stören. Wenn er geht, hinterlässt er eine merkwürdige Leere. Die Leere einer öffentlichen Gerichtsverhandlung ohne Öffentlichkeit.

Der alte Mann, der an diesem Gericht einst das Mandat übernahm, die Öffentlichkeit zu sein, trägt den in diesem Zusammenhang schönen Namen Richter: Gerhard Richter, 84 Jahre alt, 20 Jahre Busfahrer, zuletzt stellvertretender Fuhrparkleiter. Heute hat er eine Verhandlung beobachtet, in der es um räuberischen Diebstahl ging. Ein marokkanischer Asylbewerber hatte im Edeka-Markt zwei Flaschen Whisky gestohlen. Als er hinter der Kasse von zwei Mitarbeitern erwartet wurde, versuchte er zu fliehen, wurde gestellt und schlug aggressiv um sich. Vier Männer brauchte es, ihn quer durch den Supermarkt ins Büro des Detektivs zu bringen. Auf dem Weg ergriff er ein Senfglas, und bevor er damit zuschlagen konnte, wurde er von einem Polizisten außer Dienst zu Boden gebracht. Räuberischer Diebstahl im minder schweren Fall, Strafrahmen sechs Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe. Über das Strafmaß, ein Jahr und sechs Monate, waren sich Staatsanwalt und Verteidiger einig. Während Ersterer die Strafe jedoch vollstreckt sehen wollte, plädierte Letzterer auf Bewährung. Man möge seinen Mandanten nicht anders behandeln als bei gleicher Tat einen deutschen Angeklagten, hatte er dem Gericht in die Beratung mitgegeben.

Kein Gericht dieses Landes will sich insofern etwas nachsagen lassen. Doch der Gleichbehandlungsappell geht ins Leere. Auch deutsche Angeklagte erhalten für gleiche Taten nur selten gleiche Strafen. Den präventiven Zweck einer Strafe zu erreichen erfordert bei dem einen spürbaren Zwang, wo bei dem anderen gleichsam der erhobene Zeigefinger reicht. Das Gericht muss so streng sein wie prognostisch nötig.

Der Marokkaner hatte schon einen Tag nach der Ankunft in Deutschland, sein Asylantrag war noch nicht gestellt, einen Diebstahl begangen. Strafaussetzung zur Bewährung würde er absehbar – so wie mancher Deutsche auch – als Variante eines Freispruchs empfinden. Als Mirakel der milden Justiz eines schwachen Staates. Dass Strafvollzug mitunter einen kriminellen Lebensweg nur verfestigt, während die Kandare der Bewährung den nötigen Druck und die erforderliche Hilfe geben kann, aus ihm herauszufinden, ist eine Überlegung, die die Gerichte anstellen, nicht die Angeklagten.

Gerhard Richter war nach Hause gegangen und hat seiner Frau beim Mittagessen wahrscheinlich erzählt, das Gericht unter Vorsitz von Herrn Melzer habe einen räuberischen Dieb aus Marokko ins Gefängnis gesteckt. Und tatsächlich lautete das Urteil auf ein Jahr und zwei Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Richter wusste aus unzähligen Urteilsbegründungen von meiner Überzeugung, dass für die erzieherische Wirkung einer Strafe deren spürbares Erfahren wichtiger sei als ihre Dauer. Er kann aber auch ein Lied davon singen, dass bei einem oder einer anderen Vorsitzenden das Urteil anders ausgefallen wäre. Gerhard Richter kennt die Strafrichterpersönlichkeiten dieses Gerichts besser als der Dienstaufsicht führende Präsident des Landgerichts. Einst kam er zu mir, von der Durchsetzungskraft einer jungen Kollegin beeindruckt, und meinte, sie müssten wir unbedingt halten.

Gerhard Richter wird von uns stets mit Handschlag begrüßt. Seit einiger Zeit trippelt er mit Gehhilfe ins Gericht. Wenn er ein paar Tage nicht erscheint, machen wir uns Sorgen. An seinem 80. Geburtstag holte ihn Kollege Müller mit seiner Limousine zu Hause ab. Im historischen Sitzungssaal, der nur 30 Jahre älter ist als Richter, sang die gesamte Belegschaft ein Ständchen, gab es einen Präsentkorb, Sekt, Saft und warme Worte. Um keinen Revisionsgrund zu schaffen, müssen wir das Schildchen "öffentliche Verhandlung" neben der Saaltür beleuchten, ob Richter im Foyer wartet oder nicht. Auch wenn es ohne ihn komplett sinnlos ist. So überflüssig wie die 36 Zuschauerplätze im großen Sitzungssaal. Benötigt werden die allenfalls, wenn einmal eine Schulklasse in der Projektwoche das Gericht besucht. In Ostdeutschland war das Gericht – anders als im Westen – nie der Ort, an dem ältere Herrschaften vormittags ihrer Ruhestandszone entstiegen und dem bunt pulsierenden Leben nachspürten, das ihnen in der hier gebotenen Vielfalt selbst zu Berufszeiten nicht begegnet war. Zu DDR-Zeiten galt das Gericht zutreffend als Teil des Systems, das Gewaltenteilung nicht kannte. Über dessen hohe Schwelle stieg niemand freiwillig. Danach hatte die ostdeutsche Justiz nicht allzu lange die Chance, ihren geänderten Charakter auszustellen. Gegen Richterin Barbara Salesch kam sie nicht an. Diese komprimierte auf Sat.1 über 13 Jahre und 2147 Folgen die Kompliziertheit der Juristerei in eine süffige Fernsehstunde. Ab 2001 waren auch die Verhandlungen von Richter Alexander Hold in der heimischen Couchecke zu erleben, und bald konkurrierten im deutschen Privat-TV sechs verschiedene Gerichtsshows um Zuschauer. Gerhard Richter sagt, er hätte sich die Macht gewünscht, diesen Hokuspokus zu verbieten. Einer wie er, der den Gerichtsalltag auf den Holzstühlen der Justiz erfährt, fühlte sich veralbert. Amtsrichterinnen und -richter deutschlandweit erleben bis heute, dass Verfahrensbeteiligte, Angeklagte wie Zeugen, ihre gelegentlich sonderbaren Verhaltensweisen auf die Rollenspieldramaturgie unserer Ex-Kollegen Salesch und Hold zurückführen.

Der juristischen Volksaufklärung haben diese Soaps einen Schmierendienst erwiesen. Das merkt auch Gerhard Richter, wenn an seinem Stammtisch – "beim Vietnamesen, wo der Bierpreis noch akzeptabel ist" – die Rede auf die lasche Justiz kommt. Manchmal verteidigt er sie dann, oft erkennt er aber, dass Missionieren aussichtslos ist. Woher sollen die Leute es auch besser wissen. Sie gehen ja nicht hin, zu den Hauptverhandlungen.