Sachsen auf der Couch – Seite 1

Im Elb-Florenz ist es ruhig. Zumindest morgens, wenn die ersten Souvenirgeschäfte in der Dresdner Altstadt öffnen. Dann zieht nur ein laues Lüftchen durch die schmalen Gassen und leeren Plätze. Semperoper, Hofkirche, Frauenkirche – sie alle vermitteln das Gefühl einer Stadt, die seit Jahrhunderten in sich ruht.

Doch seit 2014 ist alles anders. Was lange gekittet schien, brach innerhalb weniger Wochen auf. Eine barocke Silhouette wurde über die Grenzen Sachsens hinweg zum Sinnbild für den Zorn dieser Stadt. Ein Sturm der Verachtung zog jeden Montag durch die Straßen, gepaart mit Enttäuschung und Resignation. Inzwischen hat sich der Sturm gelegt, aber der Wind im Land gedreht. Wer meint, dass mit dem Bedeutungsverlust von Pegida auch die Risse der Stadt geheilt sind, täuscht sich. Man findet sie nicht mehr auf der Straße, sondern in den Wohnzimmern. Sie sind auch nicht auf Dresden beschränkt, sondern ziehen sich durch den ganzen Freistaat.

Keiner weiß heute, ob die Landtagswahl am 1. September die Spaltungen heilen kann oder die Gräben in der Wahlkabine noch vertieft. Aber die Anspannung vor der Landtagswahl ist allerorten spürbar. Es geht um gebrochene Biografien, Angst um Identität und den drohenden Verlust von Heimat. Auch in den Kirchen. Sie sind mittendrin. Nicht nur mit ihren Gotteshäusern, sondern ebenfalls mit ihren Bildungsangeboten und ihren Gläubigen.

Was bedeutet das für eine Kirche, die sich auf einen synodalen Weg begibt und mit dem Dialog sowie verbindlichen Ergebnissen ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen möchte?

Die zentrale Botschaft aus dem Osten der Republik dürfte sein, sich aus der gewohnten Kommunikationsgemeinschaft hinauszubegeben. Auch einer Kirche, die sich in einem Umfeld befindet, in dem sich etwa 80 Prozent nicht dem christlichen Glauben zugehörig fühlen, fällt dies nicht leicht. Zu groß sind die Prägungen aus zwei Diktaturen, in denen Gemeinden über weite Strecken hinweg enge Beziehungsnetze nach innen ausbildeten, aber nach außen sich zur übrigen Gesellschaft abgrenzten. Kirchliche Gemeinschaft wurde zur Heimat. Dort konnte man offen denken und sprechen. Dort fand man Freunde und Partner fürs Leben. Keine heile Welt, aber tragend gegenüber einem Unrechtsstaat.

Aber die kirchliche Nestwärme ist verloren gegangen. Über 30 Jahre hinweg sind die jungen Christen weggezogen, haben Familien in großen Städten und anderen Bundesländern gegründet. Den gesellschaftlichen Transformationsprozessen folgten kirchliche. Nicht kausal beabsichtigt, aber in den letzten Jahren parallel ausgelöst. Einerseits begegnen die Christen in dem Land tagtäglich Menschen, für die der Glauben keine Relevanz hat und denen sie sich erklären müssen. Andererseits sehnen sie sich nach der gewohnten Gemeinschaft, die sie über die letzten Generationen getragen hat.

Schon einmal mussten sie sich innerhalb kürzester Zeit aus der gewohnten Kommunikationsgemeinschaft hinausbegeben. Das war 1989. Nicht mit großen Worten, sondern indem sie ihre Räume für das gesellschaftliche Ringen um die Freiheit öffneten. Was wäre 2015 gewesen, wenn am Montagabend nicht nur das Licht der Hofkirche wie in Erfurt ausgegangen wäre, sondern zeitgleich im nahe gelegenen Haus der Kathedrale die Debatte um das Abendland und den Wert des kulturellen Miteinanders geführt worden wäre?

Es ist nicht zielführend, heute über Handlungsalternativen im Jahr 2015 zu diskutieren. Aber vielleicht haben wir genau das aus den letzten Jahren gelernt, Räume offen zu halten, die die andere Position offenhalten und trotzdem die Brücke zum Heiligen erhalten. Es braucht nicht nur offene Kirchentüren für Gottesdienste, sondern klug gestaltete Foren, in denen Wissen statt Meinung zählt und niemand mit seiner Position vorzeitig verurteilt wird. Auch wenn sie nicht christlichen Überzeugungen entspricht. Das heißt nicht, dass genau dort Menschenverachtung ihren Platz hat. Wer den Wahlkampf mit einer "Jagdsaison" verwechselt, hat nicht verstanden, dass Demokratie das Ringen um Macht mit Argumenten, nicht mit Gewaltspiralen ist. Die rote Linie wird klar. Aber was wäre eine Glaubensgemeinschaft, wenn sie nicht bereit ist, mit den Menschen um das zu ringen, was ihnen Sinn gibt und was sie zusammenhält?

Das bedeutet auch für eine Institution wie die Kirche ein Umdenken im Kopf. Weil sie zum Thinktank einer Gesellschaft wird. "Akademien in der Krise" heißt in Sachsen natürlich, zu den innerkirchlichen Dynamiken nicht zu schweigen. Aber zuvörderst bedeutet es, für die Menschen im Land einen Dienst zu tun. Das ist die Buchstabierung des Evangeliums auf Mitteldeutsch, wie es einst Bischof Joachim Wanke forderte. Heinrich Timmerevers, der Bischof von Dresden-Meißen, setzt momentan um, was sein Vorgänger bereits plante: Die Eingangstür vom Haus der Kathedrale wird aus der Seitengasse an die große Straße verlegt, das ganze Haus stärker für die Menschen geöffnet. Transparent und einladend, offen für Glaubende und Nichtglaubende, am Puls der Zeit und der Themen soll Kirche in Sachsen sein. Im Moment ist es eine Baustelle.

Auf dem "SachsenSofa" saßen zu wenige Frauen

Und es geschehen auch Fehler. Als sich vor knapp einem Jahr in Chemnitz die Wut der Menschen auf der Straße entlud und die Hemmschwelle verloren ging, mit Rechtsextremen gemeinsam auf die Straße zu gehen, waren wir zu spät: mit dem klaren Wort, angemessenen Angeboten zur Trauerbewältigung und Foren, in denen um das Miteinander gerungen werden kann.

Vielleicht waren wir rechtzeitig, als wir mit dem "SachsenSofa" die Debatten aus den großen Städten in die kleinen Kommunen des Landes geholt haben. Ein Sofa, mit dem Wappen des Freistaats bezogen, tourte zu Diskussionen durch die Regionen des Landes. Und es machte im letzten halben Jahr die Öffentlichkeit zum Wohnzimmer. Das "SachsenSofa" war der Dialog über Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Von der Kirche. Ungewohnt für die Institution und ungewohnt für die Menschen. Es ging nicht um den Streit auf dem Sofa, sondern um den Austausch des Wissens und der Lebenserfahrung zwischen Ost und West, Alt und Jung sowie zwischen Stadt und Land. Eingeübter Dialogstil mit Lerneffekt für alle Seiten.

Erst kürzlich forderte Angela Merkel vor 500 Frauen in Dresden, dass es für Debatten eine Kultur brauche, zu der das Anhören aller Interessen ebenso gehöre wie auch die Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren. Ein Seitenhieb gegen die Dauernörgler, die in den schmalen Gassen der Landeshauptstadt ohne Bereitschaft zum Dialog ihren Positionen mit Bannern und diffamierenden Sprechchören Ausdruck verleihen. Es sind deutlich weniger als im Saal sitzen. Anders aber als auf der Straße sind es im Raum fast nur Frauen. Die Themen sind vielfältig, nur über "Frauenthemen" wolle man nicht die ganze Zeit sprechen.

Auch in diesem Bereich verläuft eine imaginäre Grenze durch die Republik. Im Osten ist es für viele eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen gleiche Aufgaben wie Männer übernehmen. Die dazugehörige Sozialstruktur ist über Generationen hinweg etabliert worden. Was in der DDR vor allem eingeführt wurde, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen, und im gleichen Atemzug ideologisch überfrachtet wurde, ist seit vielen Jahren Common Sense. Auch innerhalb der Kirche sind die Rufe nach einer veränderten Rolle der Frau in den Diensten und Ämtern deutlich zaghafter wahrnehmbar. Maria 2.0, die dazugehörige Initiative engagierter Frauenverbände, spielte in Sachsen kaum eine Rolle. Es ist die Chance des eben eingerichteten vierten Forums zur Vorbereitung des synodalen Wegs, "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche", eine Sensibilität für das Miteinander zu finden.

Wenn es gelingt, Gleichberechtigung zu fördern und dabei die Machtinteressen aller Beteiligten transparent zu machen, hat der synodale Weg die Chance, Antworten auf die Fragen der nächsten Dekade zu geben. Die Kunst wird es sein, nicht in einen Wettstreit der Ideologien zu verfallen, um dadurch den Riss zu vergrößern, sondern mit der Lösung einen Beitrag zur versöhnten Einheit zu leisten. Die theologische Durchdringung ist bereits da, diskutiert wurde viel. Was es jetzt braucht, ist der praktische Vollzug. Was passiert, wenn die Debatten in der Dresden-Meißner Akademie künftig nicht mehr nur mit einem Frauenanteil von 25 Prozent geführt werden wie im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren, sondern von 75 Prozent? Es wäre ausbuchstabierte Glaubwürdigkeit.

Doch auf dem "SachsenSofa" saßen zu wenige Frauen. Eines aber bleibt: Das Projekt macht Mut, sich dadurch selbst verändern zu lassen. Thinktanks funktionieren nur, wenn sie das Herz bei den Menschen haben und mit Empathie hören, was sie bewegt. Das "SachsenSofa" hat auch uns lernen lassen: dass es nicht ausreicht, über materielle Verbesserungen zu sprechen. Sondern dass wir eine neue Sprache zwischen Ost und West finden müssen. Dass die subjektive Erfahrung von "Zweitklassigkeit" tief sitzt. Dass die Narrative der Sehnsucht nach Freiheit gegenseitig berichtet werden müssen. Und dass wir uns miteinander in der Pluralität der Lebensentwürfe auf eine Hoffnung verständigen müssen, die trägt. Die Christen in dem Land haben die Chance, für diesen Prozess eine Avantgarde zu werden.

Der synodale Weg ringt noch um seine Ausrichtung. "Der Glaube kann nur wachsen und tiefer werden, wenn man frei wird von Blockierungen des Denkens, wenn man sich der freien und offenen Debatte stellt und die Fähigkeit entwickelt, neue Positionen zu beziehen und neue Wege zu gehen", formuliert die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Website. Dies kann schon beginnen, wenn ZdK und Bischofskonferenz bereit sind, Experten zu berufen, die ihre Expertise zur Verfügung stellen, ohne direkt den Taufschein mitzubringen.

Es geht um gebrochene Biografien, Angst um Identität und den drohenden Verlust von Heimat. Auch in den Kirchen. Sie sind mittendrin.

Immerhin sind Macht, Sexualität und Umgang mit Frauen – die großen Themen des synodalen Wegs – nicht ausschließlich binnenkirchliche Themen. Authentisches Christsein wird beginnen, wenn wir es in der eigenen Institution umsetzen. Dresden war schon einmal Ausgang einer kirchlichen Erneuerung. Fast vergessen ist, dass vor genau 50 Jahren die Synode des Bistums Meißen begann, für die beispielsweise "Viri probati" keine Fremdwörter waren. Aus deren Geschichte kann man aber auch lernen, wie aus einem mutigen Auftakt ein ersticktes Ende wurde.

Es bleibt zu hoffen, dass sich angesichts der wertvollen Erfahrungen von Christen aus den neuen Bundesländern beim synodalen Weg mehr Expertinnen für eine glaubwürdige Kirche inmitten ostdeutscher gesellschaftlicher Brüche und Freiheitserfahrungen einbringen können, als dies in den kürzlich einberufenen Vorbereitungsgremien der Fall ist. Sie können auch den Wind der Veränderung in den Osten der Kirchenrepublik tragen. Einer ist auf jeden Fall zu wenig.