Und es geschehen auch Fehler. Als sich vor knapp einem Jahr in Chemnitz die Wut der Menschen auf der Straße entlud und die Hemmschwelle verloren ging, mit Rechtsextremen gemeinsam auf die Straße zu gehen, waren wir zu spät: mit dem klaren Wort, angemessenen Angeboten zur Trauerbewältigung und Foren, in denen um das Miteinander gerungen werden kann.

Vielleicht waren wir rechtzeitig, als wir mit dem "SachsenSofa" die Debatten aus den großen Städten in die kleinen Kommunen des Landes geholt haben. Ein Sofa, mit dem Wappen des Freistaats bezogen, tourte zu Diskussionen durch die Regionen des Landes. Und es machte im letzten halben Jahr die Öffentlichkeit zum Wohnzimmer. Das "SachsenSofa" war der Dialog über Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Von der Kirche. Ungewohnt für die Institution und ungewohnt für die Menschen. Es ging nicht um den Streit auf dem Sofa, sondern um den Austausch des Wissens und der Lebenserfahrung zwischen Ost und West, Alt und Jung sowie zwischen Stadt und Land. Eingeübter Dialogstil mit Lerneffekt für alle Seiten.

Erst kürzlich forderte Angela Merkel vor 500 Frauen in Dresden, dass es für Debatten eine Kultur brauche, zu der das Anhören aller Interessen ebenso gehöre wie auch die Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren. Ein Seitenhieb gegen die Dauernörgler, die in den schmalen Gassen der Landeshauptstadt ohne Bereitschaft zum Dialog ihren Positionen mit Bannern und diffamierenden Sprechchören Ausdruck verleihen. Es sind deutlich weniger als im Saal sitzen. Anders aber als auf der Straße sind es im Raum fast nur Frauen. Die Themen sind vielfältig, nur über "Frauenthemen" wolle man nicht die ganze Zeit sprechen.

Auch in diesem Bereich verläuft eine imaginäre Grenze durch die Republik. Im Osten ist es für viele eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen gleiche Aufgaben wie Männer übernehmen. Die dazugehörige Sozialstruktur ist über Generationen hinweg etabliert worden. Was in der DDR vor allem eingeführt wurde, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen, und im gleichen Atemzug ideologisch überfrachtet wurde, ist seit vielen Jahren Common Sense. Auch innerhalb der Kirche sind die Rufe nach einer veränderten Rolle der Frau in den Diensten und Ämtern deutlich zaghafter wahrnehmbar. Maria 2.0, die dazugehörige Initiative engagierter Frauenverbände, spielte in Sachsen kaum eine Rolle. Es ist die Chance des eben eingerichteten vierten Forums zur Vorbereitung des synodalen Wegs, "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche", eine Sensibilität für das Miteinander zu finden.

Wenn es gelingt, Gleichberechtigung zu fördern und dabei die Machtinteressen aller Beteiligten transparent zu machen, hat der synodale Weg die Chance, Antworten auf die Fragen der nächsten Dekade zu geben. Die Kunst wird es sein, nicht in einen Wettstreit der Ideologien zu verfallen, um dadurch den Riss zu vergrößern, sondern mit der Lösung einen Beitrag zur versöhnten Einheit zu leisten. Die theologische Durchdringung ist bereits da, diskutiert wurde viel. Was es jetzt braucht, ist der praktische Vollzug. Was passiert, wenn die Debatten in der Dresden-Meißner Akademie künftig nicht mehr nur mit einem Frauenanteil von 25 Prozent geführt werden wie im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren, sondern von 75 Prozent? Es wäre ausbuchstabierte Glaubwürdigkeit.

Doch auf dem "SachsenSofa" saßen zu wenige Frauen. Eines aber bleibt: Das Projekt macht Mut, sich dadurch selbst verändern zu lassen. Thinktanks funktionieren nur, wenn sie das Herz bei den Menschen haben und mit Empathie hören, was sie bewegt. Das "SachsenSofa" hat auch uns lernen lassen: dass es nicht ausreicht, über materielle Verbesserungen zu sprechen. Sondern dass wir eine neue Sprache zwischen Ost und West finden müssen. Dass die subjektive Erfahrung von "Zweitklassigkeit" tief sitzt. Dass die Narrative der Sehnsucht nach Freiheit gegenseitig berichtet werden müssen. Und dass wir uns miteinander in der Pluralität der Lebensentwürfe auf eine Hoffnung verständigen müssen, die trägt. Die Christen in dem Land haben die Chance, für diesen Prozess eine Avantgarde zu werden.

Der synodale Weg ringt noch um seine Ausrichtung. "Der Glaube kann nur wachsen und tiefer werden, wenn man frei wird von Blockierungen des Denkens, wenn man sich der freien und offenen Debatte stellt und die Fähigkeit entwickelt, neue Positionen zu beziehen und neue Wege zu gehen", formuliert die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Website. Dies kann schon beginnen, wenn ZdK und Bischofskonferenz bereit sind, Experten zu berufen, die ihre Expertise zur Verfügung stellen, ohne direkt den Taufschein mitzubringen.

Es geht um gebrochene Biografien, Angst um Identität und den drohenden Verlust von Heimat. Auch in den Kirchen. Sie sind mittendrin.

Immerhin sind Macht, Sexualität und Umgang mit Frauen – die großen Themen des synodalen Wegs – nicht ausschließlich binnenkirchliche Themen. Authentisches Christsein wird beginnen, wenn wir es in der eigenen Institution umsetzen. Dresden war schon einmal Ausgang einer kirchlichen Erneuerung. Fast vergessen ist, dass vor genau 50 Jahren die Synode des Bistums Meißen begann, für die beispielsweise "Viri probati" keine Fremdwörter waren. Aus deren Geschichte kann man aber auch lernen, wie aus einem mutigen Auftakt ein ersticktes Ende wurde.

Es bleibt zu hoffen, dass sich angesichts der wertvollen Erfahrungen von Christen aus den neuen Bundesländern beim synodalen Weg mehr Expertinnen für eine glaubwürdige Kirche inmitten ostdeutscher gesellschaftlicher Brüche und Freiheitserfahrungen einbringen können, als dies in den kürzlich einberufenen Vorbereitungsgremien der Fall ist. Sie können auch den Wind der Veränderung in den Osten der Kirchenrepublik tragen. Einer ist auf jeden Fall zu wenig.