Als Wolodymyr Selenskyj noch nicht Präsident der Ukraine war, sondern in einer Fernsehserie lediglich einen solchen spielte, wurde er in einer Folge von einem Albtraum heimgesucht. Der Präsident ist verzweifelt. Egal, was er zu ändern versucht, die korrupten Abgeordneten hindern ihn daran. "Ich verstehe, dass viele von euch diese Reformen fürchten wie das Feuer", ruft er wütend den Abgeordneten zu. "Aber es ist Zeit, die Dom-Pérignon-Flaschen und die Urlaube auf den Malediven zu vergessen. Die Gesellschaft hat sich verändert! Sie wird nicht länger warten und verzeihen!" Doch die Abgeordneten grinsen ihn nur an. Sie hören auf die Oligarchen, nicht auf einen Präsidenten aus dem Volk. Sie denken nicht an das Land, sondern nur an ihren Kontostand. Sie versprechen Änderungen, aber zementieren das Elend.

Auch wenn die Serie ziemlich übertreibt – sie fängt doch ein, wie die Ukrainer über ihr Parlament denken und welche Macht die Abgeordneten haben. Manche Volksvertreter sind laut Vermögensdeklaration bettelarm, haben aber märchenhaft reiche Ehefrauen und Söhne. Andere stimmen schon mal für ihre verhinderten Kollegen mit ab oder prügeln sich bei unliebsamen Debatten. Bis zu zwei Drittel der Abgeordneten sollen unter dem Einfluss von Oligarchen stehen. Wolodymyr Selenskyjs erste Versuche, Minister zu entlassen oder die Immunität der Abgeordneten zu beschneiden, sind auch an diesen Verhältnissen gescheitert.

Fragt man ukrainische Aktivisten und Geschäftsleute, was ihnen zu ihrem Parlament, dem Obersten Rat, einfällt, dann sagen sie, es sei so schmutzig, dass selbst gute Leute darin dreckig werden. In der Serie erschießt der Präsident in seinem Albtraum die Abgeordneten.

In der Wirklichkeit wird an diesem Sonntag das Parlament neu gewählt. Selenskyj will durchregieren. Das ist der Plan. Und ohne den Obersten Rat wird der Komiker a. D. in den nächsten Jahren wenig ausrichten können.

Spricht man dieser Tage mit ukrainischen Politologen, die so einiges in ihrem Land gewöhnt sind, dann bekommen sie leuchtende Augen. Das Land erlebe die "größte Vertrauenskrise seiner Geschichte, die ganz große Entzauberung", sagt Wolodymyr Fessenko. Nach den Protesten auf dem Maidan im Winter 2013 hatten die Leute gehofft, dass die Veränderungen das Parlament und die Regierung erfassen würden. Aber sie wurden bitter enttäuscht. Reformen wurden angefangen, aber nicht durchgezogen. Die Fernsehsender sind nach wie vor in der Hand von Oligarchen. Das Justizwesen blieb im Großen und Ganzen das alte. Das neue Wahlgesetz zur Einführung des Verhältniswahlrechts soll den Einfluss der Oligarchen begrenzen. Es ist vor Kurzem verabschiedet worden, wird aber erst ab 2023 gelten. So muss auf die Revolution der Straße nun die Revolution an der Wahlurne folgen. Der Sieg von Wolodymyr Selenskyj soll erst der Anfang gewesen sein. Bei der Wahl am Sonntag könnten bis zu zwei Drittel aller Abgeordneten ausgetauscht werden. Die Ukrainer werden ein jüngeres, unerfahrenes – manche hoffen ein unverdorbenes – Parlament haben. "Es ist ein großes Experiment!", sagt Fessenko. Die Frage ist, ob es gelingen wird.

Da ist die Partei "Stimme" des Rocksängers Swjatoslaw Wakartschuk, gerade knapp zwei Monate alt. Der Musiker, der seine Wahlreden auf seinen Konzerten hält, will einen Westkurs, Reformen und mehr Ehrlichkeit in der Politik. Jede Wahlspende zugunsten der "Stimme" wird überprüft: Gerade erst hat die Partei eine beträchtliche Summe zurückgegeben, weil ihr der Spender dubios vorkam. Sie wird wohl auf weniger als zehn Prozent der Stimmen kommen und ist bereit für eine Koalition mit Selenskyjs Partei "Diener des Volkes", die nach der Serie heißt, in der Selenskyj den Präsidenten spielte. Deren politisches Programm ist dünn. Die Partei ist dennoch so beliebt, dass sie in Umfragen 40 bis 48 Prozent erreicht. Plötzlich wurden so viele Kandidaten benötigt, dass sogar über Facebook gesucht wurde. Hauptsache, neue Gesichter. Auch die alten Parteien geben sich neue Namen und werben mit Quereinsteigern. Als wäre es eine ansteckende Krankheit, zum Establishment zu gehören.