Der Erfolg ihres Buches und die Aufregung um ihre Person seien sehr lustig, aber auch sehr absurd, sagt Sally Rooney und zieht den Teebeutel aus dem Becher, der vor ihr auf dem Tisch steht. Die Mechanismen des Buchmarktes ergäben offensichtlich überhaupt keinen Sinn mehr, und in einer von Krisen geschüttelten Welt sei es fast schon peinlich, Romane über fiktive Menschen zu schreiben, statt ernsthaft dabei zu helfen, die Welt da draußen in faire und lebenswerte Bahnen zu lenken. Rooneys Problem ist nur: "Ich kann leider nichts anderes."

Im Englischen würde man sagen: "She’s playing it cool." So richtig nimmt man dem neuen Star am Literaturhimmel – sie wird als "J. D. Salinger der Snapchat-Generation" bezeichnet – ihre Selbstbescheidung aber nicht ab. Die 28 Jahre alte Irin hat in den vergangenen zwei Jahren zwei sehr erfolgreiche Romane veröffentlicht. Die britische und amerikanische Kritik und Ikonen wie Zadie Smith sind vor Rooney und ihrem Talent auf die Knie gefallen. Ihr Debüt Conversation with Friends (2017) wird bereits von der BBC als zwölfteilige Serie verfilmt, jetzt erscheint es auch auf Deutsch (Gespräche mit Freunden). Ihr zweiter Roman Normal People (2018) war für den Man Booker Prize nominiert. Beide Bücher haben es auf internationale Bestsellerlisten geschafft. Eigentlich müsste Rooney vor Stolz platzen.

Es ist ein grauer Freitagvormittag im Juni. Sally Rooney sitzt in einem schlichten Konferenzraum ihres Verlags Faber & Faber in London. Sie ist extra aus der Bretagne angereist, wo sie seit einigen Wochen in einem Haus im Nirgendwo an einem neuen Roman arbeitet.

Rooney ist eine blasse junge Frau. Die halblangen, haselnussbraunen Haare hat sie hinter die Ohren geklemmt. Sie trägt einen dunkelgrünen Wollpullover, der die Farbe ihrer Augen unterstreicht, und eine graue Stoffhose mit weißen Nadelstreifen. Rooney ist schüchtern und gleichzeitig geradeheraus. Sie spricht so schnell, als hätten wir keine Zeit. Während ihres Studiums (Englisch und amerikanische Literatur) am Trinity College in Dublin war sie Mitglied des Debattierclubs. 2013 nahm sie am European Universities Debating Championship in Manchester teil und argumentierte ihre Gegner in Grund und Boden. Jeder ihrer Sätze sitzt. Kein Wort ist zu viel. In dieser Klarheit schreibt sie auch. Ihre Bücher stolpern nie. Sie sind so scharfsinnig und elegant komponiert, dass man ihnen schon auf der ersten Seite verfällt und sie nicht wieder aus der Hand legen kann.

Gespräche mit Freunden erzählt die Geschichte von Frances. Sie ist eine introvertierte, kluge junge Studentin Anfang zwanzig, die in Dublin lebt und Schriftstellerin werden möchte. Manchmal trägt sie ihre Texte – es sind hauptsächlich Gedichte – zusammen mit ihrer besten Freundin Bobbi bei Spoken-Word- und Open-Mic-Veranstaltungen in Kneipen vor. Früher waren Frances und Bobbi mal ein Paar. Nach einem ihrer Auftritte lernen die beiden Melissa und Nick kennen, ein zehn Jahre älteres Ehepaar, das alles verkörpert, was Frances und Bobbi nicht sind: erfolgreich, wohlhabend, glamourös und sehr erwachsen. Sie ist Fotografin. Er ist Schauspieler. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine Freundschaft und eine Liebesbeziehung. Eigentlich geschieht auf den 384 Seiten des Romans gar nicht viel: lange Gespräche an Küchentischen, gemeinsame Abendessen und Besuche von Lesungen oder Theateraufführungen, hier und da leidenschaftlicher Sex (der übrigens so verdammt gut ist, dass man sofort selbst Sex haben will). Irgendwann fahren alle zusammen in ein großes Ferienhaus in Frankreich, wo sich die angestauten Konflikte zwischen den vier Freunden bald nicht mehr mit Rosé wegspülen lassen.

Es sind (für europäische Großstadtverhältnisse) keine außergewöhnlichen Leben, die die vier Figuren führen, man darf ihnen nur aus ungewöhnlicher Nähe dabei zusehen. Darf sie beobachten, wenn sie Themen wie Treue und Freiheit neu verhandeln, wenn sie an emotionale Grenzen stoßen und ihr Innerstes durchlaufen, als sei es ein perfekt ausgeleuchteter Ausstellungsraum, in dem auch die problematischen Werke gezeigt werden.

In Schreibkursen heißt es oft: "Show, don’t tell." Damit ist gemeint, dass man Gegenstände oder Figuren lieber in echte Handlungen und Dialoge einbinden soll, statt sie nur zu beschreiben. Rooney sagt, sie habe noch nie einen Schreibkurs besucht. Sie erzähle lieber. Beim Schreiben des Romans habe sie sich vor allem dafür interessiert, was Intimität heute bedeutet, wie sie sich anfühlt und inwieweit zwischenmenschliche Beziehungen von äußeren Faktoren beeinflusst werden. Faktoren wie Geld, Herkunft, Geschlecht oder Klasse. Gespräche mit Freunden ist eine Liebesgeschichte und ein Gesellschaftsroman, der die großen Fragen zeitgenössischen Lebens in einem kleinen Freundeskreis zur Schau stellt.